Myriametersteine

Erste Etappe einer Deutschland-Umrundung

Auf beiden Rheinufern sind sie ständige Wegbegleiter – die historischen Myriametersteine aus dem vorletzten Jahrhundert. Alle 10.000 Meter markieren sie die Entfernung zum Ausgangspunkt in Basel und zum Endpunkt in Rotterdam. Im Augenblick stehe ich vor dem Stein mit der römischen Ziffer 9 (IX) und erfahre, dass es noch neunzig Kilometer bis Basel sind. Die 730 Kilometer bis Rotterdam sind für mich augenblicklich ohne Belang, denn ich bin rheinaufwärts unterwegs, in Richtung der Schweizer Grenze.

Gestern morgen bin ich am Dreiländereck Elsass, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg bei Lauterbourg gestartet. Mein tourentauglich aufgemotztes Mountainbike bringt jetzt gut zwanzig Kilo mehr auf die Waage und es wird eine Weile dauern, bis ich mich an die neue Fahrdynamik gewöhnt habe. Mental beschäftigt mich die Frage, ob ich mir das alles wirklich gut überlegt habe. Die Außengrenzen Deutschlands abzufahren bedeutet ungefähr 4.000 Kilometer im Sattel. Gut, ich werde die Gesamtstrecke nicht an einem Stück „abreißen“ sondern auf jährliche Etappen verteilen. Dabei will ich immer solange radeln, bis widrige Umstände, Wetter oder Spaßverlust mich einbremsen. Aber dennoch bleibt es ein Unternehmen, das mich mindestens sechs Jahre lang beschäftigen wird. Ein erster Anstieg reißt mich aus meinen Gedanken. Es geht einen Deich hoch und ich muss zum ersten Mal heftig treten. Zwanzig Kilo Gepäck – ist da wirklich nichts Überflüssiges dabei? Auf der Deichkrone erwartet mich der EuroVelo 15, der von der Quelle des Rheins bis zur Nordsee führt. In meine Richtung, nach Süden sind es erst einmal siebzig Kilometer bis Strasbourg. Der Himmel ist wolkenlos, auf dem asphaltierten Radweg lässt es sich kraftsparend rollen. Ich bin zuversichtlich, in sechs Jahren wieder in Lauterbourg anzukommen.

Vor der ersten Nacht auf dem Campingplatz in Kehl war mir etwas bang. Meine letzte Übernachtung mit Zelt und Luftmatratze lag doch schon über dreißig Jahre zurück. Meine Bandscheiben haben in dieser Zeit bestimmt ein Gutteil ihrer Geschmeidigkeit eingebüßt. Und so überwog die Skepsis, als ich in mein extra leichtes Zweipersonenzelt kroch und mich auf meiner neuen ultra-leichten Hightech-Luftmatratze platzierte. Vielleicht war ja meine Expedition morgen schon zu Ende. Ich mach es kurz: ich habe geschlafen wie ein Stein. Gewiss mir steckten über achtzig abwechslungsarme Radel-Kilometer über den französischen Rheindeich in den Knochen. Aber das allein konnte sicherlich keinen derart erholsamen Schlaf garantieren. Die zugegebenermaßen nicht ganz billige Schlafunterlage und das selbstaufblasbare Kissen waren wohl doch kein überflüssiger Luxus.

Mein Aufbruch zur nächsten Tagesetappe verzögerte sich etwas, weil die Packroutine noch nicht voll entwickelt war. Aber neunzig Minuten nach dem ersten Gähnen hatte mein etwas berührungsempfindlicher Hintern wieder Kontakt zum Fahrradsattel. Das erste Pflichttor des Tages: ein Café für ein reichhaltiges Frühstück finden. Bei aller Outdoor-Romantik hatte ich keine Lust, mich morgens aus dem Schlafsack zu schälen und mir auf einem Gaskocher Wasser für einen Instantkaffee zu erhitzen. Genauso wenig stand mir der Sinn danach, abends den Tag mit einer Dose Pichelsteiner zu beschließen. Morgens ein vernünftiges Frühstück und abends eine schmackhafte, warme Mahlzeit, das waren nicht verhandelbare Rahmenbedingungen für die Verpflegung auf meiner Tour.

Der EuroVelo 15 ist entlang der deutsch-französischen Grenze über lange Passagen eher eintönig. Nur hin und wieder windet er sich kurvenreich durch schattige Auenwälder und entschädigt ein wenig für die Tristesse der schnurgeraden Deichpassagen. Einsetzender Regen auf Höhe des Kaiserstuhls verkürzt für zwei aufeinanderfolgende Tage meine Etappenleistung und zwingt mich in feste Unterkünfte. Ich nehme das gerne auf mich und genieße die hervorragende südbadische Küche. Am vierten Tag ist die Sonne zurück. Fast bedauere ich das, denn damit entfällt die Berechtigung auf das Zelt verzichten zu dürfen.

Die südwestlichste Ecke meiner Deutschland-Umrundung ist sehr durch Industrie geprägt. Von Weil am Rhein über die Baseler Vorstadt bis nach Rheinfelden sind landschaftliche Reize kaum noch auszumachen. Seitdem ich dem Rhein nun in östlicher Richtung folge, macht sich allerdings die Schweizer Nachbarschaft deutlich bemerkbar. In den Geschäften auf deutscher Seite sind die Eidgenossen äußerst präsent. Warum sie lieber bei uns einkaufen als bei sich zuhause, offenbart sich mir bei meinem nächsten Übernachtungsstopp auf einem Campingplatz im schweizerischen Möhlin. Die Übernachtung an sich ist noch erschwinglich. Aber bei meinem allabendlichen Ausflug in die ortsansässige Gastronomie wird meine finanzielle Leistungsbereitschaft dann doch überdehnt. Zum ersten Mal auf meiner Tour entscheide ich mich für kalte Platte vor dem Zelt. Die Zutaten dafür erstehe ich in einem Supermarkt. Etwas Käse, ein Baguette und ein Viertelliterfläschchen Rotwein für fünfzehn Franken. Meine Zeltnachbarn Lisa und Ian aus Neuseeland, mit denen ich einen unterhaltsamen Abend verbringe, können den Preisunterschied zu Deutschland nicht fassen. Wir sind uns einig, die Reise Richtung Bodensee auf dem nördlichen Rheinufer fortzusetzen.

Ein wesentlicher Vorteil des alleine Reisens ist, dass man sich zeitlich mit niemandem synchronisieren muss. So kriechen Lisa und Ian gerade aus ihrem Zelt, als ich bereits abmarschfertig bin. Ich verabschiede mich von den sympathischen Neuseeländern, vielleicht sieht man sich ja auf dem nächsten Campingplatz wieder. Der Frühstückshunger ist nun Taktgeber für meine Trittfrequenz. Im deutschen Bad Säckingen gönne ich mir in einem Café in der Altstadt das größte Frühstück auf der Karte. Was ich nicht essen kann wird Reiseproviant.

Der Hochrhein ist von Bad Säckingen bis zu seiner Assimilation durch den Bodensee bei Stein am Rhein ein Radler Paradies. Der Fluss ist hier noch weitgehend naturbelassen und die Landschaft zwischen Südschwarzwald und dem Schweizer Jurapark Argau präsentiert sich unaufdringlich anmutig. Selbst im Hochsommer kann man hier streckenweise vollkommen für sich sein. Es gibt wunderschöne, pittoreske Städtchen, wie zum Beispiel Laufenburg, die in jedem Fall einen Halt lohnen. Etwas spektakulärer wird es in Schaffhausen, wo sich die Wassermassen des Rheins schwindelerregende 23 Meter in die Tiefe stürzen. Amerikanische Touristen aus Niagara Falls werden sich dieses Spektakel bestimmt nicht entgehen lassen.

Ab Stein am Rhein ist es, zumindest in der Hauptsaison, mit der Ruhe vorbei. Hier beginnt der Bodensee und das zu erkennen bedarf keiner Beschilderung. Touristen bevölkern das Ufer, die Straßen und leider auch die Campingplätze. Es wird zur Herausforderung, noch einen Platz für ein kleines Zelt und ein Fahrrad zu finden. Die weitere Fahrt entlang des Untersees über Radolfzell festigt die Erkenntnis, dass es wohl besser gewesen wäre, diese Region während der Ferienzeit zu meiden.

In Konstanz ist nach dem Ermüdungsbruch meines Fahrradsattels erst einmal Schluss. Ich nehme das als Anlass hier abzubrechen und im kommenden Jahr am Bodensee die nächste Episode zu starten. Lisa und Ian habe ich leider nicht mehr wiedergesehen.

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