Das felsige Ende Frankreichs

Erste Reisemobilerfahrung in der Bretagne

Wie war das noch gleich? Dreht man das Absperrventil an den Gasflaschen nach links oder nach rechts, um es zu öffnen? Die Einweisung des Reisemobil-Vermieters war ja wirklich umfassend, aber kein durchschnittlich begabter Mensch kann diese Informationsflut vollständig und dauerhaft verarbeiten. Ein Blick in die Bedienungsanleitung verschafft Klarheit – nach links.

Wir haben uns für eine Bretagne-Rundfahrt ein Reisemobil gemietet. Viele Bekannte haben uns mit leuchtenden Augen von dieser Art des Reisens vorgeschwärmt. Man sei so unabhängig, könne spontan entscheiden zu bleiben oder weiterzufahren, hätte immer alles Notwendige dabei und müsse deshalb nicht täglich Koffer packen. Darüber hinaus spare man jede Menge Übernachtungskosten. Gepriesen werden immer nur die mannigfaltigen Vorzüge. Nachteile scheint es nicht zu geben. Jetzt wollen wir uns selbst ein Bild von dieser Reisefreiheit machen und die Bretagne scheint uns das geeignete Revier dafür.

Knapp 1.000 Kilometer registriert der Tageskilometerzähler als wir auf einen Reisemobilstellplatz am Ufer des Étang des Perles, etwa sechzig Kilometer nordwestlich von Le Mans, rollen. Unsere mentale Kondition hätte eine Weiterfahrt zwar zugelassen, aber schließlich nehmen wir weder an einer Rallye teil und noch sind wir auf der Flucht. Außerdem liegt dieser Platz idyllisch an einem Seeufer, wir teilen ihn nur noch mit zwei holländischen Campern, es gibt ein kleines Sanitärgebäude und die Übernachtung ist kostenlos. Das Fahrzeug mit Hilfe der Auffahrrampen zu nivellieren klappt beim ersten Versuch. Dann folgt eine weitere Premiere. Wir kochen auf dem dreiflammigen Gasherd unser erstes Gericht – und es schmeckt. Alle Signale deuten ein positives erstes Fazit an. Wenn wir jetzt noch auf dem 1,40 Meter breiten Heck-Bett einen erholsamen Schlaf finden, dann könnte das mit dem Camper eine gute Idee gewesen sein.

Am nächsten Morgen zeigen alle Daumen nach oben. Derart beflügelt fahren wir nun in nordwestlicher Richtung weiter. Unser nächstes Ziel ist quasi ein nationales Heiligtum der Franzosen, der Mont-Saint-Michel. Eine gehörige Portion Leidensfähigkeit gehört schon dazu, möchte man dieses UNESCO-Kulturerbe der Menschheit besichtigen. Wie bei vielen anderen touristischen Attraktionen auch, muss man sich grundsätzlich auf einen enormen Besucherandrang sowie horrende Park- und Eintrittsgebühren einrichten. Dennoch lohnt ein Besuch dieses pittoresken Klosterbergs vor der Küste der Normandie.

Der Couesnon, vor dessen Mündung der Mont-Saint-Michel liegt, markiert die Grenze zwischen der Normandie und der Bretagne. Der launische Fluss, hat mit seinem wechselhaften Verlauf in der Historie zu ebenso wechselnden Besitzverhältnissen für den bekannten Klosterfelsen geführt. Zum Verdruss der Bretonen gehört er aktuell zur Normandie, wird aber in der einschlägigen Reiseliteratur als Sehenswürdigkeit in der Bretagne vermarktet. Richtig bretonisch wird es aber erst weiter nordwestlich, in der Küstengemeinde Cancale. Hier ist die Küste steil und felsig und es gibt die grauen Granithäuser, die sich trutzig dem Wind entgegenducken. Im dem kleinen Hafen kann man den Austernfischern bei der Ernte zusehen und das, was sie mit ihren teils abenteuerlichen Traktor-Boot-Kombinationen aus dem Wattenmeer ziehen, gleich fangfrisch verzehren. Für diejenigen, die mit dem Verzehr der glibberigen Schalentiere kein Genusserlebnis verbinden können, gibt es jede Menge köstliche Alternativen.

Die zumeist idyllisch gelegenen, küstennahen Campingplätze verfügen nach dem Ende der französischen Sommerferien über reichlich freie Kapazitäten. Fürchten muss man also nicht das Hinweiszeichen „complet“ (Belegt) sondern das abrupte Saisonende, wenn einige Betreiber ihre Plätze bereits ab Mitte September schließen. Wir standen einige Male vollkommen überrascht vor dauerhaft geschlossenen Schranken. Aber zu guter Letzt fanden wir dann doch einen wunderschön gelegenen Stellplatz in Trébeurden, von dem aus wir die Sehenswürdigkeiten der bretonischen Küste entweder mit dem eigenen Fahrzeug, mit dem Fahrrad oder zu Fuß erkunden konnten.

An der Côte d´Èmeraude (Smaragdküste) lockt uns natürlich die Korsarenstadt Saint-Malo und das Cap Frehel mit dem Fort La Latte. Wir folgen der Küstenlinie in westlicher Richtung und bedauern, nicht jede Bucht, jedes Kap oder jeden Küstenort besuchen zu können. Es gäbe genug zu sehen. Gerne hätten wir die Schönheiten der bretonischen Gestade entlang des alten fast 2.000 Kilometer langen Zöllnerpfades (Sentier des Douaniers) erwandert. Aber dafür braucht es einfach mehr Zeit.

Auf der nächsten Etappe schlägt uns die Côte de Granite Rose (Rosa Granitküste) in ihren Bann. Fast unwirklich muten die glattgeschliffenen Felsformationen an, die sich, je nach Lichteinfall, in einem Farbspektrum von Ocker über Rosa bis Rostrot präsentieren. Kleine, vorgelagerte Inseln lassen sich bei Ebbe zu Fuß erreichen. Im Landesinneren beeindrucken uns die frühgeschichtliche Dolmen, Megalithen und Menhire.

Bei Morlaix biegen viele Bretagne-Reisende nach Südwesten in Richtung Brest ab. Das ist schade, denn gerade hier, am felsigen Ende Frankreichs, zeigt die Bretagne ihre raue, naturbelassene und wildromantische Seite. Wir folgen der Küstenstraße (D 27) fast im Schritttempo, um die neuen Ansichten, die sich nach jeder Kurve öffnen, genießen zu können. In Plourazel stellen wir unser Reisemobil für die kommende Nacht ab. Der Stellplatz liegt in Strandnähe und ist terrassenförmig, wie ein Amphitheater angelegt. Den Platz der Bühne nimmt der Atlantik ein, der in einem allabendlichen Spektakel die Sonne verschluckt. Ein Makel war nur, dass ein Gemeindevertreter abends gegen 19 Uhr die Stellplatzgebühr kassiert und anschließend das Sanitärgebäude abschließt. Geöffnet wird es am darauffolgenden Morgen erst um 10 Uhr, wenn alle Übernachtungsgäste wieder weg sind.

Mittlerweile pflege ich ein neues morgendliches Ritual. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad suche ich im nächsten Ort eine Bäckerei auf, um frisch gebackene Croissants und Baguettes zu kaufen. Der Duft, den eine französische „Boulangerie“ verströmt ist einzigartig – wenn es diesen doch nur als Essenz für die heimische Duftlampe gäbe. Während des Frühstücks beobachten wir an diesem Morgen, wie ein riesiges Wohnmobil, das den Namen einer antiken nordafrikanischen Großstadt trägt, fahrbereit gemacht wir. Es ist kaum vorstellbar, dass man mit diesen Ausmaßen durch die engen bretonischen Gassen manövrieren kann ohne anzuecken. Bei unserem Kastenwagen ist das kein Problem. Und länger als eine Viertelstunde brauchen wir selten, um wieder startklar zu sein.

In einem weiten Bogen umrunden wir die Bucht von Brest und erreichen am Pointe du Raz den westlichsten Zipfel Frankreichs. Trotz des einsetzenden Regens kämpfen wir uns gegen den heftigen Wind bis zur Statue der „Mutter Gottes der Schiffbrüchigen“ durch. Unter normalen Umständen hat man von hier einen atemberaubenden Blick auf das Felsenriff und die umgebenden Buchten. Nur heute kann man die malerisch gelegene „Bucht der Verstorbenen“ nur erahnen. Der Legende nach warten dort die Seelen der Verstorbenen auf das Totenschiff, das sie ins Jenseits (hinter dem Horizont) bringen soll.

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Pointe du Raz, der westlichste Punkt Frankreichs

Nach so viel ungebändigter Naturkraft wenden wir uns wieder dem Landesinneren zu und fahren nach Quimper, der Hauptstadt des Départements Finistere. Man kann während eines Bretagne-Urlaubs viele durchaus sehenswerte Städte einem knappen Zeitplan opfern, aber die tausendjährige Bischofsstadt mit ihrer prächtigen Kathedrale, den wunderschönen Fachwerkhäusern und der weltberühmten Porzellanmanufaktur auf gar keinen Fall. Zudem empfängt Quimper den Reisemobilisten ganz exklusiv auf einem 5-Sterne-Stellplatz in der Orangerie de Lanniron, einem weitläufigen Schlosspark. Von hier aus erreicht man fußläufig das Zentrum und kann schauen, staunen und – shoppen.

Nicht weit von Quimper liegt der Zuständigkeitsbereich von Kommissar Dupin. Der Protagonist aus Jean-Luc-Bannalecs Kriminalromanen hat seinen Dienstsitz in dem kleinen Hafenstädtchen Concarneau. Uns interessiert aber in erster Linie die „Ville Close“, die festungsartige Altstadt, die bei Flut vollständig vom Wasser eingeschlossen ist. Nur einen Katzensprung von der „blauen Stadt“ entfernt liegt Pont Aven, die Stadt der Maler. Wer am Ufer des kleinen Flüsschens Aven in Richtung des Bois d´Amour (Wald der Liebe) flaniert, bekommt eine Ahnung, warum ausgerechnet hier der berühmte Maler Paul Gauguin eine Künstlerkolonie gründete, die heute als Fundament der modernen Kunst gilt.

Über Lorient und Vannes erreichen wir, nach einem Abstecher an den Golf von Morbihan, unser vorerst letztes Ziel, die Universitätsstadt Nantes. Die historische Hauptstadt der Bretagne mit dem eindrucksvollen Schloss der Herzöge der Bretagne (Chateau des Ducs de Bretagne) ist seit 1941 Regierungssitz der Region Pays de la Loire. Wir gönnen uns zwei volle Tage, um diese lebendige Stadt der Künstler und Kreativen zu erleben. Das ist natürlich zu wenig, um alles sehen zu können, aber für einen ersten Eindruck ausreichend. Für den Aufenthalt empfehle ich Nantes Camping, einen top ausgestatteten Platz in „Schlagdistanz“ zum Stadtzentrum. Die Tram hält direkt vor der Zufahrt zum Campingplatz. Das Verkehrsnetz und die Ticketpreise sind, wie so häufig in Frankreich, unschlagbar. Da könnten sich einige deutsche Städte ein Beispiel nehmen. Wir werden wiederkommen.

Das Resümee unserer ersten Camper-Tour fällt nicht ausnahmslos aber überwiegend positiv aus. Der gewählte Kastenwagen bietet auf sechs Meter Fahrzeuglänge knapp zehn Quadratmeter „Wohnfläche“. Für uns ist das ein guter Kompromiss zwischen Wendigkeit und Komfort. Die gewählte Motorisierung lässt ein entspanntes Reisen zu, man braucht an langen Steigungen keine Panik vor den heranstürmenden LKW zu haben. Gelungen ist uns auch, von Anfang an zu reisen und nicht erst einen Zielort erreichen zu müssen. In Frankreich fuhren wir die langen Strecken vorzugsweise auf den gut ausgebauten Nationalstraßen und haben nicht einen Euro an Mautgebühren aufwenden müssen – je suis désolé (es tut mir leid, liebe Nachbarn). Bezüglich niedriger Übernachtungskosten muss ich einschränken, dass diese Rechnung nur aufgeht, wenn man kostengünstige oder kostenlose Stellplätze nutzen kann. Hier fehlen aber häufig Serviceleistungen wie Strom, Wasser oder Abwasser. Wer gerne duscht, ohne sich die Ellbogen grün und blau zu schlagen, muss zwangsläufig einen richtigen Campingplatz aufsuchen. Dann kann es aber mitunter auch teuer werden. 5-Sterne-Campingplätze können in der Nähe von touristischen Zentren schon mal das Preisniveau von festen Unterkünften erreichen. Alles in allem hat uns das Reisen mit der „Wohnbüchse“ großen Spaß gemacht und wir werden es wieder tun.

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