Auf der Fährte des Robert Louis Stevenson

Mit dem Reisemobil durch den Nationalpark Cevennen

Der kleine Stand auf der Tourismus-Messe wirkt zwischen den großen Ausstellern etwas verloren. Provence, Côte d´Azur, Bretagne, damit können die meisten Urlauber etwas anfangen. Aber Lozère – noch nie gehört. Wo soll das sein? Neugierig treten wir näher und erfahren mehr über das kleine Department im Süden Frankreichs, einen Steinwurf nur von der Mittelmeerküste entfernt, mit der landesweit geringsten Bevölkerungsdichte und einer urwüchsigen Landschaft. Also genau das, was wir suchen.

Bevor wir uns der Abgeschiedenheit des Mont Lozère überlassen, tauchen wir noch für einige Tage in das bunte Leben der Metropole Lyon ein. Die Zweiflüsse-Stadt, Wirkungsstätte des „Gastronomie-Papstes“ Paul Bocuse und der Erfinder des Kinos, der Brüder Lumière, ist nach Paris und Marseille die drittgrößte Stadt Frankreichs. 2.000 Jahre Stadtgeschichte, römische Thermen und Amphitheater, eine Altstadt und Sakralbauten mit Weltkulturerbe-Titel sprengen unser Besuchsprogramm. Egal wieviel  Zeit man hier verbringt, es ist immer zu wenig.

Die letzte Woche der französischen Sommerferien ist angebrochen und wir haben keine Mühe, im südlich gelegenen Vorort Saint-Genis einen Stellplatz zu finden. Der Campingplatz Les Barolles liegt fußläufig zum Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr. Der ist, wie fast überall in Frankreich, preisgünstig, das System verständlich und die Verkehrsmittel fahren mit hoher Frequenz. Mit dem Bus ist man in zwanzig Minuten im Zentrum. Von der Nutzung des eigene Fahrzeugs sei hier dringend abgeraten.

Nach soviel Kultur und städtischem Flair sind wir jetzt bereit für innere Einkehr und Ruhe. Schon bald nach Saint-Étienne nimmt die Bebauungsdichte rapide ab. Wir durchqueren Mende, die Hauptstadt des Departements – mit etwa 11.000 Einwohnern kaum mehr als eine Kleinstadt. In einem äußerst üppig dimensionierten Supermarkt ergänzen wir unsere Vorräte. Wer weiß, wann wir wieder Gelegenheit dazu bekommen, denn alles was auf unserer Karte im weiten Umkreis als Ortschaft klassifiziert wird, ist wesentlich kleiner als Mende.

Es ist heiß. Im südlichen Frankreich hat es seit vielen Wochen nicht mehr geregnet. Überall wird auf die extreme Brandgefahr hingewiesen, deretwegen wir auch nirgendwo grillen dürfen. Wir durchqueren den Causse de Sauveterre, eine riesige Kalk-Hochebene, die extrem karg und dünn besiedelt ist. Gemeinsam mit dem Gebirgszug der Cevennen tragen die Hochebenen dieser Region den Titel eines Welterbes der UNESCO. Völlig unvermittelt reißt die karstige Fläche auf und die kleine Landstraße stürzt sich in die fünfhundert Meter tiefe Schlucht des Tarn. Der kleine Fluss, der sich diesen beeindruckenden Canyon gegraben hat, wird von einigen wenigen Touristen für eine beschauliche Bootstour genutzt.

Wir folgen der Schlucht flussaufwärts und erklimmen bei Sainte-Enimie die serpentinenreiche Auffahrt zum Causse Méjean. Mit einer Ausdehnung von über 340 Quadratkilometern und einer Höhe von 800 bis über 1.200 Meter ist er der größte und am höchsten gelegenen Causse des Zentralmassivs. In dieser urwüchsigen, fast archaischen Landschaft fühlen wir uns wie die einzigen noch verbliebenen Menschen. Mit etwas Glück kann man hier die wild lebenden Przewalski-Pferde beobachten oder einen Gänsegeier erspähen, der am Himmel stoisch seine Kreise zieht. Die südliche Begrenzung des Causse Méjean übernimmt die Jonte mit ihrem tief eingeschnittenen Canyon. In Meyreuis erreichen wir den klaren Gebirgsfluss und folgen ihm bis in die Nähe seiner Quelle am Mont Aigoual.

Den zweithöchsten Gipfel der Cevennen (1.567 m) krönt eine wuchtige Wetterstation, von deren Aussichtsplattform sich ein grandioser Fernblick öffnet. Bei guter Sicht sind im Süden das Mittelmeer und im Osten die Alpen auszumachen. Wir haben nicht so viel Glück. Dichte Wolken kriechen den Bergrücken hinauf und rauschen auf der gegenüberliegenden Flanke wieder zu Tal. So entsteht die Illusion, mit unserer steinernen Bastion durch ein Wolkenmeer zu schweben.

Es ist Sonntag und der Gipfelsturm eines Motorradclubs vertreibt die Ruhe am Mont Aigoual und damit auch uns. In Florac treffen wir wieder auf den Tarn, der uns den weiteren Weg in Richtung des Mont Lozère weist. Auf diesem Streckenabschnitt rückt die  Felswand ganz dicht an die Straße heran. Jede Begegnung mit entgegenkommenden Fahrzeugen wird zum spannenden Ereignis. Im Interesse der beteiligten Außenspiegel bewegt man sich nur im Schritttempo aneinander vorbei.

Der kleine Ort Le Pont-De-Montvert lohnt die Mühe, zumal die abenteuerliche Anfahrt den Besucheransturm im wahrsten Sinne des Wortes „kanalisiert“. Für den Massentourismus ist in dem engen Tal des Tarn einfach kein Platz. Am besten man sucht sich etwas außerhalb des Ortes einen Parkplatz und erschließt sich zu Fuß den Charme der engen Gassen und verschachtelten Häuser. Hätten wir gewusst, dass der kleine Dorfladen die einzige Einkaufsmöglichkeit weit und breit ist, hätten wir diese mit Sicherheit genutzt.

Wir verlassen den „Außenposten der Zivilisation“ und folgen der D20, die sich dem Gipfel des Mont Lozère entgegen windet. Etwas unterhalb der Passhöhe, in dem kleinen Dorf Finiels, entdecken wir ein wahres Kleinod der Gattung Campingplatz. Fast hätten wir ihn übersehen. Nur ein kleines grünes Schild verweist auf den L´Aire Naturelle „La Barette“.

Die Eigentümerin Lucile hat hier ein kleines Paradies für naturverbundene Camper geschaffen. Auf 1.300 Metern Meereshöhe gewähren die weitestgehend naturbelassenen Stellflächen einen grandiosen Blick auf die südlichen Cevennen. Wer ein bisschen Französisch versteht, erfährt von der Gastgeberin interessante Details zur Region und wertvolle Tipps für Ausflüge in die nähere Umgebung. So ist Finiels auch eine Station auf dem Fernwanderweg „Chemin de Stevenson“, auf dem vor 140 Jahren der schottische Schriftsteller Robert Louis Stevenson („Die Schatzinsel“, „Der seltsame Fall des Dr. Jeckyll und Mr. Hyde“) zusammen mit einem Esel zwölf Tage lang die Region durchwanderte.

Für Radler und Wanderer gleichermaßen interessant ist die Route de Montegros. Die überwiegend unbefestigte Straße schlängelt sich durch ein isoliertes, mit Granitbrocken übersätes Hochtal. Die entlegenen Dörfer, die sie miteinander verbindet, sind zum Teil bereits aufgegeben und verfallen. An einer kleinen, steinernen Brücke zweigt ein kleiner Steig ab, auf dem man zur Quelle des Tarn wandern kann.

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Stellplatz auf dem Campingplatz „La Barette“

Aus der ursprünglich geplanten einen Übernachtung wird schließlich ein Aufenthalt von einer knappen Woche. Wir bekommen von diesem Ort einfach nicht genug. Eigentlich könnte man hier auch seinen kompletten Urlaub verbringen und dabei wirklich abschalten. „Im Winter gebe es hier reichlich Schnee“, erfahren wir noch kurz vor unserer Abreise.

Bei unserer Weiterreise orientieren wir uns an der Richtung, die seinerzeit auch Robert Louis Stevenson eingeschlagen hat. Wir fahren über Le Pont-De-Montevert denselben Weg zurück bis Florac. Hier zweigt die Corniche des Cévennes ab. Diese Panoramastraße, die Ludwig der XIV. während des Krieges gegen die Hugenotten als Militärstraße bauen ließ, windet sich über die Gebirgskämme der Cevennen Richtung Süden. Die fünfzig Kilometer bis St-Jean-du-Gard ziehen sich, weil wir immer wieder anhalten müssen, um das atemberaubende Panorama zu genießen.

Nach dem Col Saint-Pierre geht es permanent bergab und mit jedem verlorenen Höhenmeter wird es heißer. Von der großen Hitze im südlichen Frankreich haben wir in den Höhenlagen des Mont Lozère nicht viel mitbekommen. Umso härter treffen uns die fast vierzig Grad Celsius mit denen wir in St-Jean-du-Gard empfangen werden. Hier endet der Cevennen-Nationalpark und auch der Wanderweg des Robert Louis Stevenson.

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