Lavendel-Träume

Mit dem Reisemobil durch die stille Provence

Die Provence – vor dem geistigen Auge entsteht ein Bild. Es ist geprägt von den tiefblauen Lavendelfeldern im Luberon, den meist überfüllten Stränden der Côte d´Azur, von den geschichts- und kulturträchtigen Touristen-Hochburgen Avignon oder Arles und vielleicht noch durch den Filmklassiker „La Piscine“ (dt. „Der Swimmingpool“) mit Romy Schneider und Alain Delon. Für denjenigen, der ein wenig Ruhe und Abgeschiedenheit in landschaftlich reizvoller Umgebung sucht, scheint die wohl bekannteste Ferienregion Frankreichs nicht die erste Wahl zu sein. Und doch sitze ich nun hier unter einer riesigen Schirm-Pinie bei einem Glas kühlen Rosé und schaue in eine scheinbar unberührte Landschaft. Ich kann es kaum fassen – ja,  auch das ist die Provence.

Das Blau des Lavendels sucht vergebens, wer Ende August die Provence bereist. Meist wird im Juli geerntet und dann bleiben nur noch die scheinbar endlosen Reihen graugrüner Büsche übrig. Aber das war uns ja bekannt, als wir die Rhône bei Bollène überqueren und erstmals provenzalischen Boden betreten. Vorsichtshalber haben wir uns bereits im Departement Ardèche gegen eventuelle Enttäuschungen im weiteren Reisverlauf gewappnet. Mit dem Besuch der imposanten Tropfsteinhöhlen von Orgnac-L´Aven und der Fahrt entlang der Ardèche haben wir einen positiven Erlebnisvorrat angelegt.

Im Rhônetal ist es erst einmal vorbei mit der Ruhe und Beschaulichkeit. Die industriell geprägten Außenbereiche von Orange werden von dem schier grenzenlosen Weinanbaugebiet der Côte du Rhône in Schach gehalten. In der weiten Ebene fahren wir durch überwiegend maschinell bewirtschaftete Rebflächen. Das vermittelt eine Ahnung, warum manche Flasche Rotwein aus hiesiger Produktion beim heimischen Discounter für weniger als drei Euro zu haben ist. Kurz hinter Carpentras steigt das Gelände wieder steil an und die D4 – kaum breiter als unser Gefährt – windet sich zum Col de Murs hoch. Es ist sicherlich eine beschwerliche, dafür aber ausgesprochen attraktive Variante, sich dem Naturpark des Luberon zu nähern. Hier in der Region um Apt schlägt das grüne Herz der Provence. Wir wollen es hören und schlagen unser Nachtlager auf dem Camping Municipal der winzigen Gemeinde Murs auf.

Es ist der ideale Ausgangsort für Exkursionen zu den schönsten Plätzen der Region. Dazu gehört mit Sicherheit das provenzalische Bergdorf Gordes, das zu den schönsten Dörfern Frankreichs zählt. Sehenswert ist auch das Zentrum des Ocker-Abbaus, das „rote Dorf“ Roussillion oder das mittelalterliche Zisterzienser-Kloster Sénanque. Letzteres ist ein bekanntes Postkartenmotiv – allerdings üblicherweise eingerahmt von blühenden Lavendelfeldern.

Das Plateau des Luberon ist gewiss eine der reizvollsten Landschaften in der Provence. Es fehlt auch nicht an sehenswerten Orten und Kulturstätten. Nur ein Geheimtipp ist der Naturpark, der sich über 50 Kilometer in west-östlicher Ausdehnung von Cavaillon bis nach Manosque erstreckt, leider nicht. Insbesondere im Sommer fluten Touristen aus aller Welt dieses schöne Fleckchen Erde. Wer sich jedoch die Mühe macht, die östlichen Randzonen Richtung Rustrel, Viens oder Vachères zu erkunden, der kann auch während der Hauptsaison noch ein kleines Stück der wilden und ursprünglichen Provence erleben.

Wir hingegen lassen uns vom Mont Ventoux leiten, dessen markanter Gipfel das Panorama in nördlicher Richtung beherrscht. Er lockt uns auf das Vaucluse Hochplateau, das weniger bekannt ist als der benachbarte Luberon, aber mit einer ebenso herrlich ursprünglichen Landschaft aufwarten kann. Auch hier gibt es ausgedehnte Lavendelfelder, klare Wasserläufe, ausgedehnte Wälder und wild wachsende Kräuter, aber alles wesentlich unaufgeregter und stiller. In dem kleinen Städtchen Sault wird offensichtlich, dass der Lavendel und alles was aus dessen wohlriechenden Blüten hergestellt werden kann, das wirtschaftliche Leben dieser Region dominieren.

Wir lassen den Mont Ventoux hinter uns und folgen dem Verlauf des Vaucluse-Hochplateau in südöstlicher Richtung. Die kleine Landstraße folgt den Konturen der Landschaft und verbindet auf ihrem Weg nach Forcalquier nur wenige kleine Dörfer mit dem Rest der Welt. Irgendwo zwischen Saint-Trinit und Revest-du-Bion überqueren wir die Grenze zum Departement Alpes-Haute-Provence. Auch hier bietet sich das gleiche Bild. Die Straße wird gesäumt von ausgedehnten Lavendelfelder, deren fast militärisch ausgerichteten Linien auf die umliegenden Gehöfte zulaufen. Touristenströme sind hier ebenfalls Fehlanzeige. Wir sind fast alleine.

Das ändert sich im Tal der Durance, wo wir uns kurzfristig wieder in den Strom derer einsortieren, die unterwegs in Richtung Aix-En-Provence und Marseille sind. Schon die nächste Brücke nutzen wir, um auszuscheren und den Fluss zu überqueren. Das Ziel, das wir vor Augen haben, ist eine weitere Attraktion Südfrankreichs, der Gorges du Verdon. Beschreibungen dieser bis zu 700 Meter tiefen Schlucht ergehen sich in Superlativen und haben uns neugierig gemacht. Vor unserer Exkursion in den Nationalpark wollen wir allerdings noch eine Pause einlegen. Ein passendes Nachtquartier finden wir am Ufer des Stausees Lac-de-Sainte-Croix, der das türkisfarbene Wasser des Verdon auffängt. Größere Wassermengen gehen in der Provence wohl immer einher mit einer erhöhten Touristendichte. So ist es leider auch hier.

Wegen der drangvollen Enge und der ausschließlich touristisch fokussierten Infrastruktur verlassen wir den See bereits am folgenden Tag und starten unsere Tour durch die Verdonschlucht. Eigentlich fährt man nicht durch die Schlucht selbst sondern wählt entweder eine nördliche oder südliche Route, die in großer Höhe dem Verlauf der Schlucht folgt. Durch den Canyon selbst gelangt nur, wer entweder zu Fuß oder mit dem Boot dem Flusslauf folgt.

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Blick vom Balcon de la Mescla in die Verdon-Schlucht

Der Verdon-Naturpark hat eine große Anziehungskraft auf Besucher. Somit ist der Verkehr auf beiden Routen immens und einen Blick in die imposante Schlucht kann man nur von einem der ausgewiesenen Park- und Aussichtsplätzen genießen. Ansonsten heftet sich der Blick des Kraftfahrers auf die schmale Straße, den Gegenverkehr und die Horden marodierender Rennradfahrer. Wer die Zeit und Mühe auf sich nimmt, in Begleitung eines ortskundigen Führers, diese gewaltige Schlucht zu Fuß zu erkunden, erlebt den Gorges du Verdon sicherlich von einer ganz anderen Seite.

Vorbei an der Pont de l’Artuby, an der sich besonders Wagemutige mit einem Gummiseil an den Füßen in die Schlucht stürzen, erreichen wir am Balcon de la Mescla den spektakulärsten Aussichtspunkt dieser Route. Kurz danach löst sich die D71 vom Verdon, der sich ab hier in nördlicher Richtung durch das Kalkmassiv seinen Weg fräst. Wir hingegen durchqueren auf einer öffentlichen Straße das „Camp Militaire De Canjuers“, einen riesigen Truppenübungsplatz der französischen Armee. Bis auf eine Kasernenanlage und gelegentliche Warnhinweise deutet aber nichts auf eine militärischen Nutzung dieser Landschaft hin.

Die Durchfahrt des pittoresken Bergdorfs Bargemon stellt erstmals eine echte Herausforderung für uns und unseren Kastenwagen dar. Wenn wir uns hier in den engen Gassen verfahren sollten, wäre die Reise zu Ende. An Rückwärtsfahren oder gar Wenden ist nicht zu denken. Ein entgegenkommender Kleinwagenfahrer bleibt panisch stehen, als er uns sieht. Unserer gestenreichen Aufforderung zur Weiterfahrt kommt er nur sehr widerwillig nach. Dann ist es geschafft und wir nähern uns ohne weitere Hindernisse dem Weinanbaugebiet Côtes de Provence.

Es ist mittlerweile später Nachmittag geworden und wir halten wieder Ausschau nach einem Platz für die Nacht. Der Etappenführer von „France Passion“ weist uns den Weg zum Weingut „Chateau des Demoiselles“. Das fast 300 Hektar große Anwesen gehörte bis Ende des 19. Jahrhunderts der monegassischen Fürstenfamilie Grimaldi. Auf dem weitläufigen Gelände dürfen Reisende ihre Wohnmobile unter den riesigen schattenspendenden Pinien für eine Nacht kostenfrei abstellen. Nebenbei kann man sich dann auch von der hervorragenden Qualität der angebotenen Weine überzeugen.

Hier wären wir gerne länger geblieben. Fast hätten wir auch vergessen, dass wir nur einen Steinwurf weit von der völlig zersiedelten Côte d´Azur sind. Alle unsere Befürchtungen werden zur Gewissheit, als wir bei Saint-Maxime auf das Mittelmeer treffen. Blechlawinen quälen sich im Schritttempo entlang der zubetonierten Küste. Ein Parkplatz, vielleicht sogar mit Zugang zum Strand bleibt Wunschdenken. Wir stecken fest in einem langsam ostwärts kriechenden Strom und halten Ausschau nach der nächstbesten Gelegenheit auszubrechen.

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Diesmal kein Lavendel sondern kleine Olivenbäumchen

Erkenntnis der Reise: Die Provence hat viele Gesichter und die klischeehaften Vorstellungen werden ihr nicht gerecht. Wer naturbelassene Landschaften und Ruhe sucht kann auch hier durchaus fündig werden. Allerdings muss der gutwillig Reisende dazu die „touristischen Ameisenstraßen“ verlassen und sich an die weniger bekannte Peripherie der Provence wagen. Wir jedenfalls werden wiederkommen – vorzugsweise zu einer Zeit, in der der Lavendel blüht.

2 Gedanken zu „Lavendel-Träume“

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