Unternehmen Reißverschluss

Mit dem Fahrrad entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze

Teil 1:  Von der Ostsee bis zum Harz

Als Kind des „Kalten Krieges“ bin ich mit dieser menschenverachtenden Grenze aufgewachsen. „Antikapitalistischer Schutzwall“ wurde sie drüben genannt. Hierzulande wurde die Bezeichnung „Eiserner Vorhang“ geprägt. Egal unter welchem Namen, diese Grenze trennte Ost und West, Kapitalismus und Sozialismus, NATO und Warschauer Pakt. Aber in erster Linie teilte sie ein Land, trennte Landsleute und Familien. Was hinter der Grenze war, das kannte ich nur von der Transitstrecke nach Berlin oder aus Presse und Erzählung. Aber ich will ehrlich sein. Auch nach der „Wende“ habe ich meine Ressentiments und Vorurteile weiter gepflegt. So zum Beispiel das Bild, der den Osten Deutschlands dominierenden Plattenbauten und das der mausgrauen Häuserfassaden. Wartburg, Multicar und Simson beherrschen angeblich das Verkehrsgeschehen und die Mehrheit der Frauen soll auf den Namen Mandy hören. Fast dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung habe ich mich nun auf den Weg gemacht, diesen Riss zu schließen.

Eines muss ich vorwegschicken. Wer die Erwartung hat, auf dieser Tour den ehemaligen Todesstreifen entlang zu balancieren, der wird mit Sicherheit enttäuscht werden. Die Grenzanlagen mit ihren Zäunen, Wachtürmen, Gräben, Minenstreifen und Kontrollwegen sind fast vollständig entfernt und die Natur hat sich den 1.200 Kilometer langen Grenzstreifen nahezu vollständig wieder zurückerobert. Und eigentlich gibt es ihn auch nicht, den einen Weg, der den Verlauf der ehemaligen innerdeutschen Grenze markiert. Es ist eine Route, die manchmal Alte Salzstraße, Elberadweg oder Grenzlandweg heißt. Auch der Iron-Curtain-Trail, der sich eigentlich an der Demarkationslinie zwischen NATO und Warschauer Pakt orientiert, bleibt nicht selten auf pragmatischer Distanz. Wer möglichst nah ran möchte an diese vergangene Grenze, der muss Karten studieren, im Internet recherchieren und sich vor allem mit den Menschen vor Ort unterhalten. Unerlässlich ist auch ein gewisses Maß an Leidensfähigkeit. Denn die ist gefordert, wenn man mal wieder orientierungslos inmitten eines Schilfbewachsenen Sumpfgebietes steht oder nicht enden wollendes Kopfsteinpflaster Mensch und Material strapaziert.

Am Strand von Priwall ist die Sache noch ganz einfach. Eine große Informationstafel markiert den Ort, an dem die mir bekannte Welt bis vor knapp dreißig Jahren zu Ende war. Hier nimmt der Grünes-Band-Radweg seine Fährte auf und verspricht mir, mich bis zum Dreiländereck von Thüringen, Bayern und Böhmen zu begleiten. So steht es zumindest im Begleittext zur Routenführung. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahne, ist, dass das so nicht der Fall sein wird. Zunächst bereitet es mir jedoch keinerlei Mühe, meinen Weg südwärts über Dassow und Schönberg bis nach Lübeck zu finden. Die „Mutter der Hanse“ erschließe ich mir von der ehemaligen Grenze bei Herrnburg aus und rolle entlang der Wakenitz, einem Nebenfluss der Trave, stadteinwärts. Die historische Altstadt, die zum Welterbe der UNESCO gehört, würde gewiss einen längeren Aufenthalt rechtfertigen, doch ich will weiter. Nach einem kurzen Blick auf die Marienkirche, das Rathaus und natürlich das Holstentor setze ich meine Reise fort. Mein Etappenziel ist die Inselstadt Ratzeburg am gleichnamigen See.

Hier im äußersten Süden Schleswig-Holsteins, im Kreis Herzogtum Lauenburg, hatten die britische und sowjetische Besatzungsmacht nach dem Ende des zweiten Weltkriegs versucht, durch den Austausch von Gemeinden, die Grenze zu begradigen. Im Fall von Ratzeburg wurde durch diese „Gebietsreform“ eine extreme Grenzlage vermieden. Von Hans-Peter, dem Eigentümer des am Seeufer gelegenen Campingplatzes „Zur Schönen Aussicht“ erfahre ich, dass aus diesem Grund seiner Familie, wie allen anderen Einwohnern der Gemeinde Römnitz auch, das traurige Schicksal der Bewohner eines DDR-Sperrgebietes erspart blieb.

Bis Lauenburg an der Elbe durchquert mein Grenzweg ausgedehnte Naturschutzgebiete und streift zahlreiche Seen, die, wegen ihrer Lage im Sperrgebiet, für Erholungssuchende lange Zeit nicht zugänglich waren. Der ehemalige Kolonnenweg der Grenztruppen wird flankiert von Informationstafeln, die auch vom traurigen Schicksal sogenannter „Republik-Flüchtlinge“ berichten. In dem kleinen Ort Schlagsdorf vermittelt ein „Informationszentrum zur Innerdeutschen Grenze“ mit einem Museum, dem dazugehörenden Außengelände und einem Grenzparcours einen umfassenden Eindruck über diesen Grenzabschnitt zwischen Ostsee und Elbe.

Die letzten Kilometer bis Lauenburg orientiert sich die Route am Verlauf des Elbe- Lübeck-Kanals. Je näher ich der Elbe komme, desto flacher wird das Gelände. Es ist nicht so, dass mir die Steigungen wirklich fehlen würden, aber ohne Kurven und Buckel wird das Fahren doch ziemlich eintönig. In Lauenburg überquere ich die Grenze zu Niedersachsen und folge der Elbe, die ab hier für knapp 100 Kilometer ein unüberwindlicher Grenzfluss war.

Ich habe mich dazu entschlossen, meine Reise auf dem „DDR-seitigen“ Ufer fortzusetzen. Vom ehemaligen Grenzübergang in Horst ist natürlich nichts mehr zu sehen. Außerhalb der Sichtweite zum Fluss arbeite ich mich auf dem wenig beschaulichen Radweg, entlang der Bundesstraße 5, bis nach Boizenburg vor. Die Kleinstadt war durch ihre Lage im DDR-Sperrgebiet lange Zeit isoliert und konnte auch nach der Wende nicht wieder an ihre frühere wirtschaftliche Bedeutung anknüpfen. Ein Besuch lohnt, nicht zuletzt der aufwändig sanierten Altstadt wegen, in jedem Fall.

UNESCO Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe, unter dieser etwas sperrigen Bezeichnung habe ich mir eigentlich eine landschaftlich reizvolle Etappe vorgestellt. Vermutlich hat das regnerische Wetter dazu beigetragen, dass die Radel-Realität dann eher enttäuschend ausfiel. Der Radweg klemmt sich sklavisch an die, wie mit dem Lineal gezogenen Deiche, die neben verheerenden Hochwasserfluten auch jeden Blick auf den Fluss verhindern helfen. Um es kurz zu machen: diese Etappe war nicht nur sehr nass, sie war auch ziemlich langweilig. Zum Vergleich habe ich auch das andere Elbufer beradelt und konnte, außer einer höheren Siedlungsdichte, keinen großen Unterschied feststellen.

Über Dömitz und Lenzen nähere ich mich der Stelle, ab der die Elbe vollständig in das „Eigentum der DDR“ überging. Eine winzige Fähre setzt mich zur 600-Seelen-Gemeinde Schnackenburg über. Die kleinste Stadt Niedersachsen war während der deutschen Teilung Standort einer Zollstation für die Binnenschifffahrt. Im Fischerhaus erinnert ein kleines Grenzlandmuseum an die Zeit vor der Wiedervereinigung. Die zahlreichen Exponate zeugen von dem grotesken Grenzalltag und einem nicht selten gefährlichen Kapitel in der Stadtgeschichte. So eskalierte im Jahr 1966 die routinemäßige Tätigkeit eines Vermessungsschiff zu einem Konflikt, der fast mit Waffen ausgetragen worden wäre. Bei meinem Rundgang durch 50 Jahre Zeitgeschichte vergesse ich selbst die Zeit und die noch vor mir liegende Tagesstrecke. Die „diensthabenden“ ehrenamtlichen Mitarbeiter stellen sich tapfer meinen Fragen. „Keinen Euro Zuschuss würden sie erhalten“ und „das Museum finanziere sich ausschließlich durch Spenden und Vereinsbeiträge“, erfahre ich zum Abschluss meines Besuchs. Mit großer Sorge schaut man hier in die Zukunft, denn eine Nachfolge für die engagierten Vereinsmitglieder gibt es derzeit nicht.

Ich folge dem Hinweis der freundlichen Herren vom Fischerhaus und holpere auf der wahrhaftigen Grenzlinie südwärts nach Strelow. Das kleine Dorf wurde wegen seiner Lage im Sperrgebiet dem Erdboden gleichgemacht, seine Bewohner im Rahmen der „Aktion Ungeziefer“ zwangsumgesiedelt. Heute erinnert nur noch ein Gedenkstein und ein Nachbau der Grenzbefestigungsanlagen an einen Ort, der DDR-Unrecht zum Opfer fiel.

Die Zeit ist weit vorangeschritten und ich halte mich nun an den Streckenverlauf, den der Grünes-Band-Radweg mir vorgibt. Über kleine Land- und Kreisstraßen geht es quer durch die Altmark. Mit dem früheren Grenzverlauf hat hier die ausgewiesene Route allerdings wenig zu tun, die verläuft einige Kilometer weiter westlich. Zum heutigen Tagesziel erkläre ich den Arendsee. Der größte See Sachsen-Anhalts und der gleichnamige Ort waren auch zu DDR-Zeiten ein beliebtes Tourismusziel. Insbesondere zur Urlaubszeit war er ein willkommene Alternative zu den häufig überfüllte Stränden der Ostsee.

Bei meiner Weiterreise muss ich wegen der Gefährdung durch den Eichen-Prozessions-Spinner einige Umwege in Kauf nehmen. Die Brennhaare der Raupen dieses Baumschädlings brechen leicht ab und können, durch die Luft übertragen, beim Menschen heftige allergische Reaktionen auslösen. Bei Regen erreiche ich Bergen an der Dumme und beschließe auf dem Campingplatz Fuhrenkamp mein heutiges Nachtquartier aufzuschlagen. Der folgende Morgen macht wenig Hoffnung auf eine nachhaltige Wetterbesserung. Begleitet von ergiebigen Regenfällen kämpfe ich mich durch das südwestliche Wendland. Angeblich hat es hier seit Wochen nicht mehr geregnet. Als „Regenbringer“ bin ich überall gerne gesehen. Es ist eine zweifelhafte Ehre, auf die ich gerne verzichtet hätte.

Kurz vor Helmstedt reißt der Himmel endlich wieder auf. Mittlerweile bin ich auch wieder in Tuchfühlung zum früheren Grenzverlauf. Ein Waldweg windet sich zwischen Bad Helmstedt und Beendorf hindurch in Richtung des ehemaligen Grenzübergangs Marienborn an der Autobahn A2. Genau hier habe ich vor mehr als vierzig Jahren, beim Transit nach West-Berlin, das erste und einzige Mal, die Grenze zur DDR überquert. Nach der Wiedervereinigung wurde das riesige Areal zur „Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn“ umgestaltet. Bei einem Rundgang durch das Labyrinth der Kontroll- und Abfertigungseinrichtungen lässt sich auch heute ein beklemmendes Gefühl nicht ganz abstreifen.

Nachdem die Wolkendecke bereits Hoffnung stiftende Lücken aufwies, trübt es sich während der Weiterfahrt wieder ein. Dennoch erreiche ich trockenen Reifens das hübsche mittelalterliche Städtchen Hornburg, den Geburtsort des deutschen Papstes Clemens II. (1005 – 1047). Den gut sichtbaren Hinweis auf einen Campingplatz, werte ich als Aufforderung, hier die Nacht zu verbringen. Leider muss ich feststellen, dass es den „Relaxpark“ bereits seit zwei Jahren nicht mehr gibt, die entsprechenden Hinweisschilder arglose Camper aber immer noch von der Straße locken. Zu gern würde ich meinen Frust im Tourismusbüro abladen, scheitere aber an dessen knappen Öffnungszeiten. (Auf meine schriftliche Intervention hin, sollen die Schilder aber inzwischen abmontiert worden sein) Als segensreich erweist sich schließlich der Hinweis eines hilfsbereiten Einwohners auf den Camper-Stellplatz neben dem Gasthaus auf dem Iberg.

Der Harzer Grenzweg zieht sich auf knapp 100 Kilometern, entlang des ehemaligen Grenzstreifens, durch den Harz. Kurz hinter Hornburg finde ich den Einstieg und nähere mich auf schmalen Wald- und Feldwegen dem höchsten Gebirge Norddeutschlands. Eine besondere Herausforderung sind die alten Kolonnenwege der DDR-Grenztruppe, mit ihren holprigen, gitterförmigen Betonsegmenten. In Stapelburg empfängt mich das tief eingeschnittene Tal der Ecker, das mich auf einem serpentinenreichen Waldweg hinauf zur Eckertalsperre führt.

Seit ihrer Fertigstellung im Jahr 1943 sichert die Talsperre die Wasserversorgung für die Städte Braunschweig, Wolfsburg und Wolfenbüttel. Es ist außergewöhnlich ruhig hier, denn der Stausee ist nur zu fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar. Während der deutschen Teilung verlief die Grenze über die Staumauer und mitten durch den See. Ein Umstand, der den Betrieb der Anlage nicht einfach machte. Erst im Jahr 1970 wurde der Zutritt in bilateralen Verträgen geregelt.

Die äußerst holprige und mit Baumwurzeln durchsetzte Route entlang des Ostufers zwingt mich dazu, mein Fahrrad größten Teils zu schieben. Ich bin ja nicht ein Eile und kann auf diese Weise den Ausblick auf den See und den dahinter aufragenden Brocken genießen. Der etwas beschwerliche Weg hat auch den Vorteil, dass hier nur wenige Wanderer unterwegs sind. Unterhalb des Scharfensteins lädt eine kleine Hütte zur Rast ein. Bei einem Milchkaffee erklärt mir der Wirt und Nationalpark-Ranger die geologischen Besonderheiten der Brocken-Region. In einem früheren Leben war er Angehöriger der DDR-Grenztruppen und berichtet über das Leben an dieser, in jeder Hinsicht, schwierigen Grenze.

Von der Ranger-Station aus folgt der Grenzweg dem alten Kolonnenweg auf den Brockengipfel. Die Steigung ist allerdings brutal. Ich nehme den Hinweis des Rangers dankbar auf und wähle für meinen Gipfelsturm den sanfteren Anstieg über das Ilse-Tal. Nach wenigen Kilometer quert die asphaltierte Brockenstraße meinen Weg. Nun muss ich für ungefähr zweihundert Höhenmeter nochmal richtig beißen, bevor ich das phantastische Panorama vom höchsten Berg Norddeutschlands genießen kann. Alleine bin ich hier oben allerdings nicht. Aus allen Richtungen erklimmen Wanderer und Radfahrer die letzten Meter bis zur windzerzausten Kuppe. Die Masse der Besucher nutzt jedoch die dampfbetriebene Brockenbahn, mit der man in knapp anderthalb Stunden von Werningerode über Schierke bis zum Gipfel fahren kann.

Der Brocken ist ein würdiges Etappenziel und ich beschließe hier den ersten Teil meiner Reise entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze zu beenden. Im nächsten Jahr werde ich genau hier wieder starten, um die verbleibenden sechshundert Kilometer bis zum Dreiländereck Bayern-Thüringen und Böhmen abzufahren. Die zurückliegende Etappe von der Ostsee bis zum Harz hat mich wirklich neugierig gemacht, auf das, was mich noch erwartet.

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