Von großen Katzen und einem weißen Ort

Mit dem Camper durch Namibia, 3. Teil

Entlang der namibischen Atlantikküste zeugen hunderte Schiffswracks von Havarien, die undurchdringlicher Nebel, starke Strömungen und tückische Untiefen verursacht haben. Das bislang jüngste Opfer, der japanische Fischtrawler „Fukuseki“, strandete erst im März 2018. In der Vergangenheit waren viele der Schiffbrüchigen, die es noch bis an das rettende Ufer geschafft hatten, in diesem lebensfeindlichen Küstenabschnitt dennoch dem Tod geweiht. Heute sind die Überlebenschancen ungleich besser, aber ganz ohne Risiko ist die Fahrt entlang der Skelettküste immer noch nicht. In der völlig vegetationslosen Einöde ist es sehr einsam. Bei einer Panne muss man lange auf Hilfe warten.

Mit einem etwas mulmigen Gefühl starten wir von Swakopmund aus, bei untypisch klarer Sicht und blauem Himmel, nordwärts. Mit an Bord sind reichlich Trinkwasser, Proviant, 130 Liter Diesel und zwei Reserveräder. Auf der C34 herrscht zunächst noch vergleichsweise reger Verkehr. Häufig sieht man die Brandungsfischer deren überlange Angelruten für den Transport an der vorderen Stosßtange der Pickups befestigt sind. Kurz vor Hentjes Bay liegt, nur wenige hundert Meter vom Strand entfernt, das erste Schiffswrack. Ein Fischtrawler ist hier manövrierunfähig auf Grund gelaufen und dient nun Seevögeln als Nistplatz und Ausguck.

Nachdem sich die C35 von unserer Route abgespaltet hat, wird es wirklich einsam. Mit dem Asphalt endet hier irgendwie auch die Zivilisation. Auf den folgenden 250 Kilometern bis Tora Bay gibt es keine weitere menschliche Siedlung. Als Orientierungshilfen nennt unsere Karte nur noch Meile 72, Meile 105 und Meile 108. Das Licht ist gleißend hell. Das Meer, der weiße Strand und die salzverkrustete Piste, alles reflektiert das Sonnenlicht. Schatten gibt es hier irgendwo. Außer der tosenden Brandung ist kein anderes Geräusch auszumachen. Und, auch wenn es noch so verlockend aussehen mag, ein Bad im Atlantik wäre nur was für Hartgesottene. Auch im Hochsommer steigt die Wassertemperatur selten über 16 Grad Celsius. Kein Ort für einen erholsamen Badeurlaub.

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Seebären-Kolonie am Kreuzkap

Kurz nach Meile 72 halten wir am Kreuzkap (Cape Cross). Im Jahr 1486 ging hier der portugiesische Seefahrer Diogo Cão, auf seiner Reise nach Indien, an Land und dokumentierte die Inbesitznahme für die portugiesische Krone durch die Aufstellung eines steinernen Kreuzes. Demnach wären die bis zu 250.000 Südafrikanischen Seebären, die sich hier zu einer ebenso lauten wie geruchsintensiven Kolonie versammelt haben, allesamt Portugiesen. Wir folgen der Salzpiste durch die fast surreale Küstenlandschaft bis zur Meile 105 und wenden uns ab dort wieder westwärts, Richtung Brandberg. An dieser Stelle ist ein kleiner Exkurs zum Thema „Straßennetz in Namibia“ angezeigt. Straßen der Kategorie A (mehrspurige Autobahnen) haben wir auf unseren Reisen nicht kennengelernt. Die mit B gekennzeichneten Nationalstraßen sind zweispurig und asphaltiert. Ab der Kategorie C hat man es mit den meist unbefestigten sogenannten Hauptstraßen zu tun. Bei Nebenstraßen der Klassifizierung D kann man deren Befahrbarkeit ziemlich gut an der Anzahl der nachfolgenden Ziffern festmachen. Dreistellig ist besser als vierstellig. Wir fahren nun auf der D2303 durch eine Gegend, die sich in idealer Weise für die Simulation einer Mars-Mission eignen würde.

Einsamkeit lässt sich eigentlich nicht mehr steigern, aber an der Küste sorgte zumindest der Atlantik für etwas Abwechslung. Die bucklige Schotterpiste, die wir nun entlangrumpeln, fräst sich durch eine rostrote Geröllwüste. Dringend suchen wir etwas, das unseren Augen ein wenig Halt und Orientierung bietet. Aber es bleibt bei dem unerbittlichen Nichts, das sich hinter jeder Kuppe aufs Neue ausbreitet. Dann plötzlich sehen wir sie. Ein wenig Grün fällt in dieser lebensfeindlichen Wüste natürlich sofort auf. Die „Welwitschia Mirabilis“ ist zwar keine besonders ansehnliche Pflanze aber eine wahre Überlebenskünstlerin. Um hier existieren zu können breitet sie ihr Wurzelgeflecht fünfzehn Meter im Umkreis um ihren Standort und mehrere Meter tief im Boden aus. Wenn sie sich mal festgesetzt hat, dann kann die Pflanze, die auch auf dem Staatswappen Namibias zu sehen ist, bis zu 2.000 Jahre alt werden.

Wir umrunden den Brandberg und fädeln uns in das weite, trockene Tal des Ugab ein. Nach der zurückliegenden, äußerst holprigen Strecke empfinden wir die aktuelle Schotterpiste fast als angenehm. Wenn wir auf unserer Reise etwas bedauert haben, dann nur unsere Routenwahl über die Brandberg-Region. Besser wäre es gewesen, der Küstenstraße weiter zu folgen und erst ab Tora-Bay wieder ins Landesinnere zu fahren. Nach den ergiebigen Regenfällen in der Vergangenheit ist die ausgedehnte Mopane-Savanne in ein fast unwirkliches Grün getaucht. Die einzigen Tiere, die wir hier zu Gesicht bekommen sind Giraffen, deren Köpfe weit über das Dickicht hinausragen. Wie urzeitliche Monumente ragen die Plateauberge bis zu 160 Meter hoch aus der Ebene. Wasser, Wind und Wetter haben sie über Millionen von Jahren geformt. Sie erinnern ein wenig an die Westernkulisse des Monument-Valley im U.S. Bundesstaat Arizona. Einer dieser Tafelberge ist mittlerweile bis zur Größe einer Felsnadel abgeschliffen – die Fingerklippe (Vingerklip). Ein mahnender Zeigefinger, der zu den berühmtesten Felsformationen Namibias zählt.

Wenig später erreichen wir Outjo. Die kleine Stadt wurde 1898 von deutschen Kolonialtruppen gegründet und versprüht auch heute noch ein gewisses postkoloniales Flair. Ein unbedingtes Muss ist ein Halt in der Deutschen Bäckerei. Der Strudel, den wir dort gegessen haben, legt für uns immer noch die Messlatte bei heimischen Erzeugnissen. Für diejenigen, die sich nicht darauf verlassen können, in einer der zahlreichen Lodges oder Camps des Etosha Nationalparks einen Schlafplatz zu finden, bietet Outjo ausreichend Übernachtungskapazität. Von hieraus sind es nur noch knapp einhundert Kilometer bis zum Anderson Gate am Südrand des Parks.

Ein Besuch des Etosha-Nationalparks gehört wohl zu den Highlights einer Namibia-Rundreise. Der Name „Etosha“ stammt aus dem „Oshivambo“ und bedeutet so viel wie „großer weißer Ort“. Damit ist in erster Linie das markanteste Merkmal des Parks gemeint, die knapp 4.800 Quadratkilometer große Etosha-Pfanne. Die eher lebensfeindliche, schneeweiße Kalksalzfläche eines ausgetrockneten urzeitlichen Sees bedeckt rund ein Viertel der Gesamtfläche des Nationalparks. Dessen unterschiedliche Vegetationszonen locken mit ihrer Vielfalt an Großtierarten jedes Jahr etwa 200.000 Touristen an. In den weiten Savannen des Parks verliert deren Anzahl allerdings an Bedeutung. Nur in den Camps und an einigen Wasserstellen begegnet man anderen Besuchern.

Unsere Route führt uns von Okaukujeo, entlang der Südseite der Etosha-Pfanne, bis nach Namutoni im Osten des Nationalparks. Die Distanz von annähernd 120 Kilometern verlängern wir großzügig durch zahlreiche Abstecher zu den verschiedenen Wasserstellen. Hier versammeln sich, insbesondere in der Trockenzeit, nahezu alle im Park lebenden Tierarten. Aber auch abseits dieser Plätze lohnt es sich, langsam zu fahren und die Umgebung aufmerksam zu beobachten. Leicht übersieht man sonst das Löwenrudel, das im Schatten eines Mopane-Baumes Schutz vor der sengenden Sonne sucht. 

Das Lindequist Gate entlässt uns nach einer eindrucksvollen Tagestour wieder in die „Zivilisation“. Auf der aspaltierten B1 rollen wir zügig Richtung Tsumeb, dem nördlichen Eckpunkt des sogenannten Otavi-Dreiecks. Wir folgen einem Schild mitten hinein in die Wildnis und stehen nach wenigen Kilometern vor dem kreisrunden Ojikoto-See. Im Jahr 1915 soll die deutsche Schutztruppe ihre Waffen in dem türkisfarbenen Gewässer versenkt haben, bevor sie sich der südafrikanischen Übermacht ergab. Als Platz zum Übernachten wählen wir die pittoreske Uris-Safari-Lodge, auf deren weitläufigen Gelände zahlreiche Hinterlassenschaften des früheren Kupfererz-Abbaus zu finden sind.

Für die Weiterreise orientieren wir uns wieder an einer der „Lebensadern“ des heutigen Namibia und des früheren Schutzgebietes Deutsch-Südwestafrika. Von Tsumeb bis Otjiwarongo, der mit etwa 30.000 Einwohnern größten Stadt der Region, verlaufen die Nationalstraße B1 und die Trasse der historischen Otavi-Bahn parallel nebeneinander. Vor über einhundert Jahren wurde das bei Tsumeb geförderte Kupfererz, auf der Schiene, bis in das 570 Kilometer entfernte Swakopmund transportiert. Dort wurde der Rohstoff für den Weitertransport nach Europa verschifft.

Otjiwarongo  ist nicht nur Sitz der Regionalverwaltung sondern auch Standort zweier Einrichtungen, die sich dem Schutz afrikanischer Großkatzen verschrieben haben: die AfriCat-Stiftung und der Cheetah Conservation Fund (CCF). Wir wollen das schnellste Landtier der Welt einmal live erleben und machen einen 30-Kilometer-Abstecher in die Wildnis, ostwärts der Stadt. Im CCF-Camp erfahren wir viel Wissenswertes über Geparden, die im übrigen die einzigen zähmbaren Großkatzen sind. Besonders beeindruckend ist natürlich, die Tiere anschließend aus nächster Nähe zu erleben. Sie beobachten uns dabei ohne Scheu, aber äußerst interessiert.

In Sichtweite des CCF liegt bereits unser nächstes Ziel – der Waterberg. Die unverwechselbare Silhouette des Tafelberges erhebt sich, schon von weitem deutlich erkennbar, aus der topfebenen Landschaft. Im Jahr 1904 war die Region Schauplatz des Herero-Aufstandes gegen die Kolonialregierung und dessen brutale Niederschlagung durch deutsche Schutztruppen. Im Waterberg Rastlager zeugen noch die alte Polizeistation (heute Restaurant) und der Soldatenfriedhof von der damaligen deutschen Besiedelung.

Für Camper gibt es idyllisch gelegene Stellplätze auf der Waterberg Plateau Campsite und dem Andersson Camp. Von hier aus erschließt sich auch die ganze Bandbreite der Wanderwege rund um den Waterberg. Eine Wanderung hinauf auf das Plateau sollte jeder Besucher unternehmen, auch wenn dies körperlich fordernd ist. Die spektakuläre Aussicht in die unermessliche Weite der Kalahari sollte niemand verpassen. 

Das Ende unserer Namibia-Reise naht. In Kürze erreichen wir wieder die Hauptstadt Windhuk und werden nach einem zehnstündigen Flug in den heimischen Winter entlassen. Das Bedauern darüber, dass eine an Höhepunkten reiche Reise ihrem Finale entgegen geht, mildern wir durch einen zweitägigen Aufenthalt auf der „WeaversRock Guest Farm“ ein wenig ab. Auf unserem Panoramastellplatz und inmitten freilaufender Zebras und Strauße lassen wir die afrikanische Seele noch einmal auf uns wirken. Namibia – fremdartig anders und doch irgendwie vertraut – ein Stück exotischer Heimat am anderen Ende der Welt. Es gäbe noch so viel zu entdecken. Wir müssen einfach wiederkommen.

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Regierungspalast (Tintenpalast) in Windhuk

2 Gedanken zu „Von großen Katzen und einem weißen Ort“

    1. Danke für das Feedback. Es sind allesamt äußerst ambitionierte Projekte. Bei CCF bemüht man sich insbesondere um das „Human-Wildlife-Conflict-Management“, den Interessenausgleich zwischen Raubkatzen und den Farmern in der Region.

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