„Robinson-Feeling“ an der Silberküste

Die endlosen Sandstrände an der französischen Côte d´Argent

Gibt es in unseren Breiten noch menschenleere Küsten? Strände, an denen kilometerlange Spaziergänge ein Genuss sind, ohne den sonst üblichen Slalom zwischen Sandburgen und Liegestühlen. Wo sich die Sinne nur an der salzigen Luft, dem Rauschen der Meeresbrandung und dem fernen Horizont ausrichten können. Wo nur eine Muschel, ein Stück Treibholz oder eine flüchtende Krabbe um Aufmerksamkeit buhlt. Gibt es all das in erfahrbarer Nähe oder lässt sich dieser Traum nur noch auf fernen Kontinenten realisieren? Eher skeptisch als zuversichtlich machen wir uns auf die Suche.

Jetzt im September geht die Hauptsaison zwar langsam zu Ende, aber die Küstenregionen gehören ja traditionell zu den letzten Arealen, die von den Sommerurlaubern geräumt werden. Nach viel Kultur und Stadtleben suchen wir einen Ort, an dem wir ein wenig die Seele baumeln und die Füße vom Meer umspülen lassen können. Die Biscaya mit den endlosen Stränden der Côte d´Argent soll uns genau diesen Wunsch erfüllen.

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Abendstimmung an der Côte d´Argent

In Bordeaux überqueren wir den gewaltigen Mündungsarm des Gironde und tauchen ein in die flache, sandige Welt des Médoc. Die Region ist in erster Linie Weinkennern ein Begriff. Doch die bekannten Rebsorten werden nur auf einem schmalen Streifen entlang des Gironde, dem Médoc Viticole, angebaut. Die Landschaft auf der übrigen Halbinsel wird in erster Linie durch ihre schier endlosen Kiefernwälder geprägt. Die durstigen Nadelbäume wurden vor etwa einhundertfünfzig Jahren angepflanzt, um das sumpfige Land zu entwässern und die sandigen Küsten zu stabilisieren.

Unsere Fahrt Richtung Küste führt über kurvenlose Straßen durch eine eher abwechslungsarme Landschaft. Nur hin und wieder lichtet sich der Wald, wenn er von einem Sturm umgeworfen oder nach einem Brand gerodet wurde. Wir sind in den „Landes du Médoc“ angekommen. Der Name „Landes“ ist eigentlich irreführend, denn er steht im Wortsinn für eine, vor der Aufforstung vorherrschende, Heidelandschaft. Die Monotonie der Wälder und Brachen wird nur gelegentlich durch eine der wenigen Ortschaft unterbrochen. Lacanau, Carcans und Hourtin sind kleine Gemeinden, deren wirtschaftliche Haupteinnahmequelle früher die Harzgewinnung aus den großen Pinienwäldern war. Heute sind sie in erster Linie die logistischen Versorgungspunkte für Touristen, die sich in den vorgeschobenen Küstenorten am Atlantik sammeln.

Kurz nach Hourtin erhaschen wir einen Blick auf den Lac de Hourtin et de Carcans. Er ist einer der größten natürlichen Süßwasserseen Frankreichs und erstreckt sich parallel zur nahegelegenen Atlantikküste. Nach etwa zehn Kilometern endet unsere Straße in Hourtin Plage. Der kleine Badeort macht aus seiner touristischen Bestimmung keinen Hehl. Den Ortskern dominieren Gastronomiebetriebe und kleine Läden für den Strand- und Surfbedarf. Den äußeren Ring bilden Ferienappartements und ein großer Campingplatz. Wir sind angekommen, aber zunächst ein wenig enttäuscht.

Der Campingplatz “La Côte d´Argent” ist sehr weitläufig und mit seiner Infrastruktur auf den großen touristischen Ansturm während der Hauptsaison ausgerichtet. Mittlerweile sind aber viele der Parzellen leer und einige Sanitärgebäude stillgelegt. Der Strand wird nur noch unmittelbar vor der Promenade von Badenden, Strandläufern und Anglern bevölkert. Einen halben Kilometer die Küste nord- oder südwärts ist man plötzlich vollkommen alleine – na bitte, es geht ja doch. Richtig einsam kann sich fühlen, wer auf der parallel zur Küste verlaufenden „Route Des Phares“ ( Straße der Leuchttürme) südwärts fährt und etwa auf halbem Weg nach Carcans Plage, einem sandigen Pfad durch die Dünen folgt. Keine Menschenseele, kein Haus, kein Handyempfang – „Robinson-Feeling“ pur.

Zwischen Soulac-Sur-Mer im Norden und der Metropolregion Biarritz-Bayonne-Anglet im Süden lässt sich diese Erfahrung beliebig oft wiederholen. An einigen Küstenorten konzentrieren sich Badetouristen und Surfer, dazwischen hat man die Strände für sich. Gemieden haben wir nur den wenig ansehnlichen Komplex von Arcachon und die zugewuselten Dünen von Pilat. Wer Austern liebt kommt natürlich am Basin d´Arcachon nicht vorbei, denn hier gibt es angeblich die besten Schalentiere. Wir hingegen sind gegen derlei Reize immun und können leicht Verzicht üben. Als wir uns Bayonne, der Hauptstadt des französischen Baskenlandes, nähern sind unsere Seelen ausgependelt und wir haben wieder Lust auf Kultur und urbanes Leben.

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