Wie auf Wolken

Ein neues Fahrwerk für den Gefährten

Der Fahrer/ die Fahrerin eines Fiat Ducato, einem der am weitesten verbreiteten Basisfahrzeuge für Reisemobile, wird auf Reisen ständig daran erinnert, dass er oder sie ein Nutzfahrzeug steuert. Zudem wird dieses Nutzfahrzeug durch seine permanente Beladung auch ständig an der Nutzlastgrenze bewegt. Das Standardfahrwerk mit seinen Blattfedern und den einfachen Federbeinen ist definitiv nicht auf Fahrkomfort ausgelegt und wirkt nur allzu häufig überfordert. Es rumpelt und poltert; jede Fahrbahnunebenheit wird ungefiltert an die Nackenwirbel der Besatzung weitergeleitet.

Nach über dreißigtausend gefahrenen Kilometern hat mich unser Gefährte nun auch so weit gebracht, dass ich ernsthaft über ein Fahrwerks-Upgrade nachdenken musste. Der Vergleich unterschiedlicher Anbieter führte mich letztendlich zur Firma Goldschmitt nach Walldürn im Neckar-Odenwald-Kreis. Mein Favorit aus der Angebotspalette war das Fahrwerkpaket „Camper Plus+“ in der Ausbaustufe EvoSmart. Für einen Komplettpreis von knapp 2.700 Euro sollten sich künftig vorne „Komfortfederbeine mit automatischer Dämpfkraftverstellung“ um Fahrbahnunebenheiten kümmern. Hinten würde eine Zwei-Kreis-Luftfederung die serienmäßigen Blattfedern entlasten. Dazu musste zusätzlich ein Kompressor verbaut werden, der über ein Soft-Touch-Panel am Armaturenbrett bedient wird. Der Charme dabei ist, dass beide Seiten unabhängig voneinander ansteuerbar sind und damit auch eine einseitige Beladung ausgeglichen werden kann. Ein weiterer Nebeneffekt ist zudem, der mögliche Niveauausgleich bei schrägen Stellplätzen. Zum Abschluss der umfangreichen Arbeiten sollte dann auch noch der TÜV seinen Segen spenden.

Bedienungseinheit

Auf dem firmeneigenen Wohnmobilstellplatz können Goldschmittkunden vor Abgabe ihres Fahrzeugs kostenfrei übernachten. Zur Überbrückung der siebenstündigen Wartezeit bis zur Abholung sei der Limes-Lehrpfad empfohlen, der unweit des Firmengeländes beginnt. Eine Schlechtwetter-Option kann ich leider nicht anbieten.

Bei der Übernahme meines frisch aufgewerteten Fahrzeugs erläuterte mir der Werkstattmeister ausführlich die Funktionsweise der verbauten Komponenten und entließ mich schließlich mit einem „Gute-Fahrt-Wunsch“ auf die Straße.

Eine wirkliche Würdigung des neuen Fahrwerks vermochte ich auf der kurzen Rückfahrt, im nahezu unbeladenen Zustand, nicht vorzunehmen. Dazu sollte eine ausgedehnte Urlaubsreise dienen. Vollbeladen und mit Anhänger führte unsere Route entlang der deutsch-polnischen Grenze von der Lausitz bis an die Ostsee. Etwas mehr als zweitausend Kilometer auf zum Teil schlechten Straßen sollten ausreichen, um ein Urteil darüber abgeben zu können, ob sich der Aufwand gelohnt hatte.

Ich kann es eigentlich kurz machen: Aus einem Transporter macht man keine Reiselimousine – das kann nicht der Anspruch sein. Insofern fahren wir jetzt nicht „wie auf Wolken“. Aber die Fahrwerksanpassung hat einen spürbaren Komfortgewinn gebracht. Das Fahrzeug schwankt bei Lenkbewegungen nicht mehr so stark und zeigt sich ein wenig unempfindlicher bei Seitenwind. Am meisten aber überzeugt der Abrollkomfort auf schlechten Wegstrecken. Insbesondere die zahllosen Kopfsteinpflaster im Osten des Landes verloren ihren Schrecken, wurde doch jetzt nicht mehr jeder Stein gefühlsmäßig an die Fahrzeuginsassen durchgereicht. Das Fahrzeug ist zudem deutlich höher als zuvor und bietet dadurch auch mehr Bodenfreiheit – ein Plus auf welligem Gelände.

Alles also super? Leider nein! Durch den Einbau der Luftfederung haben sich die Blattfedern deutlich entspannt und in der Folge die Zugstange für das Ablassventil des Abwassertanks verbogen. Aus diesem Grund schließt nun dieses Ventil nicht mehr vollständig. Während unseres Urlaubs musste eine zusätzliche Wanne unter dem Fahrzeug das austretende Abwasser auffangen. Auch ein vollständiges Aufpumpen der Luftbälge zum Niveauausgleich war leider nicht möglich.

Die untere Blattfeder berührt die Zugstange für das Abwasserventil

Die Firma Goldschmitt trifft hier keine Schuld. Ursache für das Problem ist die unglückliche Anordnung der Zugstange direkt unterhalb der Blattfedern. Das liegt eindeutig in der Verantwortung des Aufbauherstellers, in unserem Fall also die Firma Karmann. Es wäre folglich kein Problem gewesen, uns nach dem Einbau der Luftfederung auf diese Schwachstelle und die damit verbundenen Folgen (die dem Monteur zweifellos aufgefallen sein müssen) hinzuweisen. Wir hätten damit die Chance gehabt, noch vor der großen Fahrt für Abhilfe zu sorgen. Das ist unterblieben.

Mein Fazit: Ein gutes Paket mit spürbarer Wirkung zu einem akzeptablen Preis. Allerdings verhinderte die unzulängliche Kommunikation mit dem Kunden die Zuerkennung der vollen Punktzahl.

2 Gedanken zu „Wie auf Wolken“

  1. Super Sache! Wir hatten das bei einem früheren Fahrzeug auch nachgerüstet (kann man, wenn man mag, auch recht gut selbst machen, muss man aber nicht 🙂 – primär wegen eines langen Hecküberhangs, um den Popo bei Bedarf etwas höher zu bekommen. Gleiche Erfahrung, die Fahrkomfortverbesserung war deutlich, am Besten fanden wir die Möglichkeit seitenunabhängig zu nivellieren, so dass wir kaum mehr Keile brauchten um gerade zu stehen.

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