Die Spur des Wassers

Entlang der Neisse und Oder bis zur Ostsee

Wasser ist auf dieser Reise das bestimmende Element. Flüsse, Seen, das Meer und leider auch der Regen sind treue Weggefährten auf einer Route, die durch ein uns unbekanntes Land führt. Uns lockt der äußerste Osten Deutschlands, eine Region in der das Land und einige Städte durch die jüngsten Grenzziehungen nach dem zweiten Weltkrieg geteilt worden sind. Die Flüsse Neisse und Oder, die sich einst ihren Weg durch die Landschaften Schlesiens und Pommerns bahnten, formen heute die Grenze zum Nachbarland Polen. Sie trennen Städte wie Görlitz, Guben oder Frankfurt von den ehemals am Ostufer gelegenen Stadtteilen. Wir begegnen Menschen, die sich damit nicht abfinden wollen und solchen, die sich bemühen diesen Riss zu flicken. Wir sind neugierig auf eine Region, die sich uns „Wessis“ noch nicht als Urlaubs- und Reiseziel erschlossen hat.

„Sumpfig feuchte Wiesen“ so etwa lässt sich die sorbische Bezeichnung für die Lausitz übersetzen. Und es ist wirklich treffend. Das ehemalige Kohlerevier der „DDR“ präsentiert sich – insbesondere nach seiner Renaturierung – als schier endlose Seenplatte mit ausgedehnten Mooren und Wäldern. Die Lausitz ist Heimat der Sorben, einer ethnischen Minderheit mit slawischen Wurzeln. Vor allem in der Niederlausitz sind ihre kulturellen Spuren unübersehbar.

Wir steuern Kromlau an, ein kleines adrettes Dorf im „Muskauer Faltenbogen“. Das erdgeschichtliche Phänomen einer „hufeisenförmigen Stauchendmoräne“ formte eine einzigartige Landschaft, die sich heute mit dem Titel „UNESCO Geopark“ schmücken darf. Auch der kleine See, an dessen Ufer wir einen idyllischen Stellplatz finden, verdankt seine Entstehung einer frühen Eiszeit.

Das Strandbad wirkt wie ein „Lost Place“, ein vergessener Ort mit einer wohl lebhaften Vergangenheit, der heute einen eher morbiden Charme versprüht. Auch am sonnig warmen Wochenende bleiben wir fast alleine. Wir verlängern unseren Aufenthalt, auch wenn wir keinen Stromzugang haben. Die lohnenden Ziele in der Umgebung, wie zum Beispiel der Fürst-Pückler-Park in Bad Muskau sind von hier aus „erfahrbar“.

Vor zweihundert Jahren gestaltete der exzentrische Fürst von Pückler-Muskau seine Vision von einem modernen und kunstsinnigen Landschaftspark, der nun zum UNESCO Welterbe gehört. Seit dem Kriegsende teilt die Neiße den Muskauer Park. Über zwei Brücken können Wanderer und Radfahrer heute allerdings ungehindert den großen Oberpark erkunden, der auf der polnischen Seite der Grenze liegt.

In Schlagdistanz liegt auch die östlichste Stadt Deutschlands, Görlitz. Die Altstadt, die schon als Kulisse für die Dreharbeiten zu dem Kinofilm „Grand Budapest Hotel“ diente, blieb von kriegsbedingten Zerstörungen weitgehend verschont. So können sich heute zahlreiche Baudenkmäler aus der Spätgotik, der Renaissance und dem Barock als homogene Einheit präsentieren. Die ehemaligen Stadtteile am östlichen Flussufer bilden seit 1945 die polnische Stadt Zgorzelec, deren „Skyline“ allerdings von unansehnlichen Plattenbauten beherrscht wird.

Nicht versäumen wollen wir die Gelegenheit, uns der Kultur der Sorben ein wenig zu nähern. Bei einer Rad-Rundfahrt durch die Sorben-Dörfer Schleife, Rohne und Mulkwitz lernen wir einiges über deren Lebensart und Bräuche. Empfehlenswert ist ein Besuch des Njepila-Hofes in Rohne, der als lebendiges Freilichtmuseum viel Wissenswertes über diese, uns vollkommen unbekannte Volksgruppe vermittelt. Vielfältig sind auch die Mythen und Legenden der Sorben. Es gibt den Wassermann, die Sensen schwingende Mittagsfrau, den Glücksdrachen Plon und die gnomenhaften Lutki, die unter der Erde leben. Überall präsent ist der Schlangenkönig, der als Giebelsymbol die Häuser und deren Bewohner vor dem Bösen schützen soll.

„Wo ist der mit dem Anhänger?“ ruft die Empfangsdame vom Campingplatz in Burg. Sie meint offensichtlich mich. Schweren Herzens haben wir unseren einsamen Stellplatz in Kromlau aufgegeben und sind in den Spreewald gefahren. Und hier ist genau das passiert, wovor uns am meisten graut: wir mussten uns in eine lange Schlange der Ankömmlinge einreihen und darauf hoffen, dass uns eine Parzelle zugewiesen wird. Eigentlich wäre ich lieber umgekehrt, aber wir sind mittlerweile hoffnungslos eingekeilt und müssen warten, dass sich das Chaos auflöst.

Erholsam wird es für uns erst auf dem Wasser. Mit einem Kanu können wir dem Touristenrummel entfliehen und in den schattigen Fließen des Spreewaldes tatsächlich etwas Ruhe und Abgeschiedenheit finden.

Nach so viel Trubel zieht es uns wieder in die Beschaulichkeit des Seenlandes Oder-Spree. Im beschaulichen Dorf Pillgram, kurz vor Frankfurt an der Oder stoßen wir auf ein Weingut – Weinbau in Brandenburg? Wir wollen mehr darüber erfahren. Der Winzer nimmt sich Zeit für uns und erklärt, dass Zisterziensermönche bereits im Mittelalter hier Weinanbau betrieben haben. Nach dem zweiten Weltkrieg kam der allerdings vollständig zum Erliegen. Erst in den 1980er Jahren wurden wieder Reben in Brandenburg angepflanzt. Und dass der Wein wirklich gut ist, davon können wir uns überzeugen.

Bei einem Abstecher nach Frankfurt a.d. haben wir die Bemerkung unseres Winzers im Ohr, „er habe früher die Nähe seines Heimatdorfes zu Frankfurt verleugnet und lieber behauptet, östlich von Berlin zuhause zu sein“. Nun, eine Schönheit ist die Grenzstadt nicht. Sie wurde nach der Zerstörung im zweiten Weltkrieg als gesichtslose sozialistische Planstadt wieder aufgebaut. Dennoch gibt es auch hier durchaus Sehenswertes, wie z.B. die Friedens- und die Sankt Marienkirche, das Kleist-Forum und Kleist-Museum sowie die Insel Ziegenwerder. Besonders empfehlenswert ist ein Besuch des ehemaligen Bezirksgefängnis der Staatssicherheit, in der heute die Gedenkstätte für die „Opfer politischer Gewaltherrschaft“ untergebracht ist. Bei einem Rundgang durch den Zellentrakt und die angrenzende Ausstellung können sich die Besucher ausführlich über das Leiden der Opfer politischer Verfolgung während es Nationalsozialismus, der sowjetischen Besatzungszeit und in der DDR informieren.

Bevor die Oder zum Grenzfluss wurde, war sie im zweiten Weltkrieg Frontlinie gegen die heranrückende Sowjetarmee. Im Oderbruch, an den Seelower Höhen stemmte sich eine bereits geschlagene Wehrmacht ein letztes Mal der militärischen Übermacht entgegen. Im Verlaufe eines sinnlosen Gemetzels starben nochmals über einhunderttausend Soldaten. Die Gedenkstätte „Seelower Höhen“ erinnert an diese größte Schlacht des Zweiten Weltkrieges auf deutschem Boden.

Von Seelow aus führt die Bundesstraße 1 (B1) schnurgerade Richtung Osten. Die frühere Reichsstraße 1 verband einst Aachen mit dem knapp 1.400 Kilometer entfernten Königsberg. Heute endet die große West-Ost Verbindung in Küstrin an der Oder. Kurz vor der Grenze beginnt unsere Suche nach dem Oderfischer, der uns für die nächsten Tage beherbergen soll. Das Navi liefert uns hier keine hilfreichen Informationen, und so behelfen wir uns mit einer schon fast vergessenen Methode: „Nach dem Weg fragen“ – die Älteren erinnern sich vielleicht.

Der Fischereihof Schneider bietet einfach alles, was das Camperherz höher schlagen lässt. Einen Stellplatz auf einer großen Obstwiese direkt hinter dem Deich, blitzsaubere Sanitäranlagen und ein reichhaltiges Angebot an frischem und geräuchertem Fisch. Allerdings wird man hier – wie auch überall sonst im Oderbruch – von den Mücken aufgefressen.

Das nahe Küstrin liegt fußläufig, unsere Suche nach der Altstadt bleibt leider erfolglos. Trotz der großformatigen Plakate, die einen Wiederaufbau der im Krieg zerstörten historischen historischen Stadt ankündigen, zeigt sich die alte Festung nur notdürftig repariert. Und von der Küstriner Altstadt ist überhaupt nichts mehr zu sehen. Das neue Küstrin präsentiert sich gesichtslos. So bleibt uns nur ein Gang über den Polenmarkt, der seine Besucher schon beim Eintritt auf ein „Fotografier-Verbot“ hinweist. Warum nur?

Nach dem enttäuschenden Ausflug nach Küstrin widmen wir uns dem Wirken des Preussenkönigs Friedrich II. im Oderbruch. Der „Alte Fritz“, wie er im Volksmund auch genannt wurde, bewältigte mit dessen Trockenlegung ein Mammutprojekt. In nur sechs Jahren wurde die Oder begradigt und eingedeicht und das Sumpfgebiet durch Entwässerungsgräben trockengelegt. 33 neue Dörfer entstanden in denen tausende Kolonisten aus dem ganzen Reich angesiedelt wurden. “Hier habe ich im Frieden eine Provinz erobert,“ lautete der abschließende Kommentar des Königs.

Wir bleiben thematisch bei Preussen und machen uns auf den Weg zu dessen geografischer Mitte in Neuhardenberg. Der Ort und das Schloss hatten in ihrer Geschichte verschiedene Namen und wurden zweimal durch preussische Könige an verdiente Staatsdiener verschenkt. Der zuletzt Begünstigte, Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg, gab dem Ort schließlich seinen Namen und ließ den berühmten Baumeister Friedrich Schinkel das ursprüngliche Barockschloss zu einem klassizistischen Palais umbauen. Die Gestaltung des Landschaftsparks übernahm Hermann von Pückler-Muskau.

Unser nächstes Ziel, die Schorfheide erweist sich als schwieriges Terrain. Viele Straßen sind gesperrt oder kaum befahrbar. Auch mit unserem Roller kommen wir nicht dort hin, wo wir eigentlich hin wollen. So kürzen wir unseren Aufenthalt in dem Biosphärenreservat ab und starten durch, in Richtung Stettiner Haff. Bei Ückermünde sehen wir zum ersten Mal „großes Wasser“ und essen am Hafen das erste Fischbrötchen. Es ist schön, die Ostsee in der Nähe zu wissen. Kurz darauf, bei der Peene-Überquerung, dräut allerdings die Erkenntnis, dass Usedom nichts für den Ruhe-Suchenden sein würde. Wir fahren Kolonne, und das bleibt so bis wir unseren „Naturcampingplatz“ bei Ückeritz beziehen. „Natur“ bezieht sich in diesem Zusammenhang leider nur darauf, dass es keine erkennbare Systematik bei den Stellplätzen gibt. Das trübe und windige Wetter drückt zusätzlich auf das Gemüt – wie schön war es doch im Oderbruch.

Wie bemühen uns wirklich um Usedom. Wir wandern an der Ostseeküste entlang und besuchen alle Kaiserbäder. Wir synchronisieren uns mit den Touristenströmen, die sich über die Promenaden und vorbei an zahllosen Souvenirläden wälzen. Für größere Wegstrecken nutzen wir die überfüllten Inselbusse – kein Gedanke an pandemiekonformes Abstandhalten. Auf der Suche nach etwas Ruhe erkunden wir die Gegend rund um das Achterwasser. Hier ist es tatsächlich ruhiger, aber dafür gibt kaum Einkehrmöglichkeiten. Außerdem verkehren am Wochenende keine Busse – diese Logik erschließt sich uns nun überhaupt nicht. Unsere Wanderstrecken müssen wir also auch komplett zurücklaufen. Nach drei Tagen verlassen wir Usedom wieder – ganz ohne Bedauern.

Wir rollen ein wenig frustriert über Wolgast in Richtung Lubmin. Das Seebad ist eigentlich eher bekannt für seinen Industriehafen, die Gaspipeline Nordstream 2 und das riesige Atomkraftwerk aus DDR-Zeit, das nun aufwändig zurückgebaut wird. Zu Unrecht, denn mit seinen langen Sandstränden, den kleinen Fischereihäfen und dem ausgedehnten Naturschutzgebiet rund um die Halbinsel Struck hat dieser Küstenstreifen zwischen Greifswalder Bodden und Peene-Mündung auch einen hohen Erholungswert. In Freest entdecken wir einen wirklich schönen, strandnah gelegenen Campingplatz. Es ist ein idealer Ausgangspunkt für ausgedehnte Spaziergänge am Wasser und für Ausflüge in das nahe Greifswald. Sogar die Sonne lässt sich hier wieder blicken.

Greifswald, die mittelalterliche Universität- und Hansestadt ist nicht nur wegen der historischen Altstadt mit ihren Baudenkmälern der Backsteingotik sehenswert. Greifswald ist wegen des hohen Anteils Studierender an der Bevölkerung auch eine junge lebendige Stadt mit einem hohen Freizeitwert. Wer nur wenig Zeit hat, sich die Stadt und ihr Umland anzuschauen, der sollte den Caspar-David-Friedrich-Bildweg als Orientierungshilfe wählen. Dessen 15 Stationen erinnern an wichtige Lebensstationen des Malers und zeigen bekannte Ansichten seiner Heimatstadt. Besuchern entgeht so keine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Der Marktplatz mit seinen Giebelhäusern, der Dom St. Nikolai (beeindruckender Backsteinbau mit einem Spielbereich für Kinder), die Marienkirche, der Stadthafen, der Ortsteil Wyk mit der alten Klappbrücke und den Ruinen des Zisterzienserklosters Eldena sind zu Fuß oder mit dem Fahrrad leicht erreichbar.

In Greifswald endet unsere Reise durch den äußersten Osten Deutschlands. Eine Erkenntnis, die wir bereits im vergangenen Jahr gewonnen haben, wurde untermauert. Es ist mehr als nur eine“Notlösung“ unserem Land, wegen der Corona-Beschränkungen im Ausland, im Urlaub die Treue zu halten. Sollten nach Ende der Pandemie die Urlauber wieder den bekannten Strömungen ins Ausland folgen, dann wird es vermutlich hierzulande wieder etwas ruhiger. Das wäre ein Grund mehr, hier zu bleiben, um wieder ein unbekanntes Stück Deutschland zu entdecken.

2 Gedanken zu „Die Spur des Wassers“

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