Auf Schmugglerpfaden

Vierte Etappe einer Deutschland-Umrundung

Diese vierte Etappe liegt nun schon drei Jahre zurück. Ich hatte sie damals aus gesundheitlichen Gründen und wegen des äußerst schlechten Wetters abgebrochen. Es war mein fester Vorsatz, die Tour im folgenden Jahr fortzusetzen und dann vielleicht das Dreiländereck Tschechien, Polen und Deutschland zu erreichen. Das wäre dann eine vollwertige vierte Etappe gewesen. Im Jahr 2019 gab es allerdings andere, familiäre Herausforderungen anzunehmen und ich setzte den lang gehegten Wunsch nach einer Pilgerreise auf dem Jakobsweg um. Womit ich natürlich nicht rechnen konnte, war, dass die anschließenden Pandemie-Jahre jegliche Tourplanung torpedieren würden. So berichte ich nun über eine kurze vierte Etappe, in der Hoffnung, dass die Fünfte wieder länger ausfallen wird.

Hermann kann sich tatsächlich an mich erinnern. Im vergangenen Jahr musste ich auf seinem Trägerhof in Waidhaus, meine Tour entlang der deutschen Außengrenze wegen des anhaltenden Regens unterbrechen. Bereits damals hatte ich ihm aber signalisiert, ein Jahr später genau hier, meine Reise fortsetzen zu wollen. Und nun stehe ich tatsächlich bei strahlenden Sonnenschein auf seiner großen Wiese und bin voller Erwartung auf das, was mich auf meiner diesjährigen Etappe erwarten wird. Stolz zeigt mir der umtriebige Milchbauer seine neue Zeltwiese, die er für die stetig wachsende Zahl von Tourenradlern angelegt hat. Sogar einen Container hat er aufgestellt, um Durchreisenden ein Plätzchen zum Unterstellen und Trocknen nasser Klamotten zu bieten. Waidhaus liegt genau am Kreuzungspunkt von zwei zunehmend beliebten Fernrouten. Der Pan-Europa-Radweg verbindet Paris im Westen mit Prag im Osten. Der Iron-Curtain-Trail (ICT) orientiert sich am Verlauf des ehemaligen „Eisernen Vorhangs“, von der Barentssee hoch im Norden bis zum Schwarzen Meer im Südosten Europas.

Unmittelbar vor dem Grenzübergang zu Tschechien geht es für mich auch gleich wieder zur Sache. Der ICT löst sich von der Zivilisation und führt in steilen Kurven in den dichten Wald hinein. Nach wenigen Kilometern ist auch von der stark befahrenen Autobahn nichts mehr zu hören. Nur das bereits vom Böhmerwald her bekannte, monotone Rauschen der Bäume und melodiöses Vogelgezwitscher dominieren fortan die Geräuschkulisse. In Flossenbürg steige ich vom Rad, um die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers zu besuchen. In den Jahren 1938 bis 1945 wurden hier Menschen für die Zwangsarbeit im nahegelegenen Granit-Steinbruch interniert. Tausende Gefangene überlebten Unterernährung, Misshandlung und willkürliche Strafaktionen nicht. Es ist ein Ort, der sich heute schön hergerichtet präsentiert, und dennoch ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte eindrucksvoll vermittelt.

Eine Granitscheibe markiert in Flossenbürg den Mittelpunkt Mitteleuropas im Reich Kaiser Karl VI. (1685 – 1740) zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Die Hälfte des Weges zwischen Lübeck und Triest galt seinerzeit als Mittelpunkt Europas. Russland zählte damals noch nicht dazu.

Nach Flossenbürg steigt der Weg wieder kontinuierlich an und streift das auf knapp tausend Metern Höhe gelegene Langlauf- und Biathlonzentrum Silberhütte. Außerhalb der Wintersaison ist hier oben alles geschlossen und kaum ein Mensch anzutreffen. Eine gute Gelegenheit, bei einer Rast, den Ausblick über die bewaldeten Höhen der Oberpfalz genießen zu können. Anschließend nimmt mich wieder der undurchdringliche Grenzwald in Empfang. Nach wenigen Kilometern verjüngt sich der ICT zu einem wurzeldurchsetzten Trampelpfad. Es ist ein wilder, holpriger Ritt unmittelbar auf der Grenzlinie zwischen Bayern und Böhmen. Vorbei an der eingefassten Quelle der Waldnaab geht es nun steil bergab, bis in die „Knopfmetropole“ Bärnau.

Obwohl die kleine Stadt bekannt ist für die Produktion hochwertiger Knöpfe und sich Besucher in einem Museum über alles Wissenswerte rund um Geschichte und Herstellung des Knopfes informieren können, folge ich ohne Zwischenhalt der weiteren Wegweisung nach Hermannsreuth. Das winzige Dorf bildet den Zugang zu einer völlig abgeschiedenen Welt. Vor der Grenzöffnung sollen hier Schmuggler ihr Unwesen getrieben haben. Heute nutzen Wölfe die grenznahen Wälder als Rückzugsort. Die Einsamkeit hat fast etwas Beklemmendes. In rascher Folge wechseln sich dichter Wald, sonnige Lichtungen, mit Kräutern durchsetzte Wiesen und kleine Seen ab. Nur anderen Menschen begegne ich nicht.

Bergab geht es nun recht zügig voran. Wegen des tückischen Licht- und Schattenspiels auf der Piste, hätte ich das frisch geschotterte Wegstück fast übersehen. Diese wenig verdichteten Wegbeläge können auch ein Mountainbike bei allzu flotter Fahrt gefährlich ins Schlingern bringen. Vorsichtig fahre ich nun weiter, bis ich an dem einsam gelegenen Forellenhof „Treppenstein“ wieder festen Asphalt unter den Reifen spüre. Der kleine Flecken Mähring, den ich kurz darauf durchquere, scheint von der politischen Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte, weitgehend unberührt. Er reiht sich ein, in die lange Reihe der Orte, die immer noch das vergessene Zonenrand-Dasein führen.

Ein letzter Anstieg und eine kurvenreiche Abfahrt liegen noch zwischen mir und meinem Etappenziel Neualbenreuth. Der Kurort heißt seine Gäste in der „Mitte Europas“ willkommen – in dieser Region ist man immer in der „Mitte von Irgendwas“. Auf dem Campingplatz Platzermühle finde ich mein nächstes Quartier. Der terassenförmig angelegte Platz mit seinen fünfzig Stellplätzen ist nicht sehr groß, bietet aber alles, was das Camperleben mit ein wenig Komfort aufwertet. Es ist ein idealer Ort, um ein wenig auszuspannen und – Wäsche zu waschen.

Die alten Patrouillenwege der tschechischen Grenzsoldaten verlaufen, oberhalb von Neualbenreuth, schnurgerade Richtung Cheb (dt. Eger). Sie sind zwar asphaltiert, aber in einem schlechten Zustand. In dicken Büscheln wächst Gras durch die aufgebrochene Teerdecke und es ist ratsam, beim Fahren den Blick nicht allzu lang über das Egerland schweifen zu lassen.

Unfallfrei erreiche ich die mittelalterliche Reichsstadt Cheb. Mit seinen knapp 35.000 Einwohnern ist Eger nicht besonders groß, blickt aber auf eine fast tausendjährige Geschichte zurück. Besonders hübsch anzusehen sind die bunten Fassaden der restaurierten Bürgerhäuser rund um den Marktplatz. Entlang des Eger-Stausees fahre ich wieder westwärts und überquere bei Schirnding die Grenze. Auf der Suche nach einem geeigneten Übernachtungsplatz werde ich in Hohenberg a.d. Eger fündig. Hoch über dem Flusstal und fußläufig zur Altstadt mit der mittelalterlichen Höhenburg bietet die Stadt Campern – gegen eine freiwillige Spende – einen komfortablen Stellplatz mit toller Aussicht.

Unterhalb von Hohenberg liegt der nur für Fußgänger und Radfahrer passierbare Grenzübergang „Hammermühle“. Über eine kleine Brücke und einen steilen Waldweg gelange ich wieder auf den tschechischen Patrouillenweg. Durch dichten Wald geht es, immer parallel zur Grenze, bis nach Aš (dt. Asch). Es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass mir hier, im nordwestlichsten Zipfel Böhmens, wieder kein Mensch begegnet. Allerdings fängt es an, zu tröpfeln. Als ich die etwas heruntergekommenen Außenbereiche des sächsischen Kurbades Bad Brambach erreiche, regnet es bereits in Strömen. Einen Wohnmobil-Stellplatz neben dem Schwimmbad möchte ich gerne nutzen, um auf besseres Wetter zu warten. Der südliche Vogtlandkreis ist allerdings berüchtigt für seine meteorologischen Eskapaden. Ich erlebe ein Gewitter mit nahezu apokalyptischen Ausmaßen. Als die Wassermassen beginnen, die umliegenden Hänge wegzuspülen, bleibt mir nur noch die Flucht. Die äußerst schlechten Wetterprognosen und eine überbeanspruchte, schmerzende Wade erfordern einen Abbruch der diesjährigen Etappe. Sobald es die Umstände wieder zulassen, werde ich genau hier, am Dreiländereck Böhmen – Sachsen – Bayern, meine Fährte wieder aufnehmen.

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