Durch das Spielzeugland

Fünfte Etappe einer Deutschland-Umrundung

Nach vier Jahren Zwangspause nehme ich meine Spur dort wieder auf, wo sie sich zuletzt im Schlamm sintflutartiger Regenfälle verlaufen hatte. Im Vogtland, genauer im Dreiländereck von Bayern, Sachsen und Böhmen mache ich mich auf den Weg Richtung Osten. Mein grob anvisiertes Ziel ist diesmal das nächste Dreiländereck: Deutschland, Tschechien und Polen. Dazwischen liegen etwa dreihundert Entfernungskilometer und reichlich Höhenmeter. Ich bin gespannt, ob Wetter, Material und Gesundheit auf dieser Etappe mitspielen werden.

Nein, ich traue dem Wetter im Vogtland nicht. Auch auf die Wetter-App, die für die nächsten Tage nur Sonne verheißt, mag ich mich nicht verlassen. An meinem Startpunkt an der Granitsäule, die die Grenze der drei Länder markiert, versucht mich ein wolkenloser Himmel zuversichtlich zu stimmen. Ich bleibe dennoch mißtrauisch und suche ständig den Horizont nach finsteren Wolken ab.

Doch schon wenige Kilometer später, im tschechischen Hraniće, ist es nicht mehr das Wetter, das meine Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt sondern der sich immer weiter verjüngende, holprige Pfad unter meinen Reifen. Ich hatte einfach nicht damit gerechnet, dass die alte Bahntrasse, die bis zum Ende des zweiten Weltkriegs das böhmische Aś mit dem sächsischen Adorf verband, heute kaum noch zu erkennen ist. So bin ich schon zu Beginn meiner Tour gezwungen, mein Fahrrad durch den dichten Wald zu schieben und zu tragen. Authentisch und grenznah kann also auch hier nicht die Maxime sein. Ich werde künftig genauer hinschauen, bevor ich befestigte Wege verlasse.

Irgendwo zwischen Markneudorf und Klingenthal schaffe ich schließlich den Übergang vom Vogtland ins Erzgebirge. Mein persönliches „Vogtlandtrauma“ und die Furcht vor einer tückischen Wetterküche sind damit überwunden. Auf meinem weiteren Weg durch das südliche Sachsen fällt mir die stetig wachsende Zahl an Handwerksbetrieben auf, die Holzspielzeug, Musikinstrumente und Weihnachtsartikel wie Schwibbögen, Räuchermännlein oder Pyramiden herstellen. Immer häufiger locken Werksverkäufe ganzjährig Weihnachtsenthusiasten in ihre Verkaufsräume. Ich kann derlei Verlockungen durchaus widerstehen und nehme den langen Anstieg zum Auersberg in Angriff. Von dessen Gipfelplateau auf über eintausend Metern Meereshöhe kann ich das Spielzeugland bis zum Horizont überblicken. Richtung Osten verheißen unzählige bewaldeten Bergkuppen, dass noch viele Höhenmeter zwischen mir und meinen nächsten Tageszielen liegen.

In Johanngeorgenstadt überquere ich die Grenze für eine Tagesetappe im böhmischen Erzgebirge (Krušné hory). In Tschechien wirkt die Landschaft etwas offener. Der Blick kann von den Höhenlagen öfter in die Ferne schweifen und in den Hochmooren spiegelt sich das Sonnenlicht in den Wassertümpeln. Die Gebäude in den kleinen Ortschaften sind allerdings häufig in einem erbarmungswürdigen Zustand. Es ist im tschechisch deutschen Grenzgebiet stets das gleiche Bild: Schreiend bunte Märkte mit billigen Waren, Tankstellen und baufällige Häuser.

Nach einer langgezogenen Downhill-Einlage erreiche ich das Touristenmekka Oberwiesenthal. Rund um den Fichtelberg versammeln sich all die Menschen, die auf meiner bisherigen Route durch das Erzgebirge nicht zu sehen waren. Die Entscheidung, zügig weiterzufahren, fällt mir nicht schwer. Entlang des Pöhlbaches, der hier die Grenze zu Tschechien bildet, verläuft die Schmalspur-Trasse der Fichtelbergbahn. Auf meiner Weiterfahrt höre ich immer wieder das schrille Pfeifen, mit der die alten Dampflokomotiven auf sich aufmerksam machen.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie winzig so manches Gewässer ist, das unsere Außengrenze markieren soll. Kurz nach Olbernhau – der Sieben-Täler-Stadt – treffe ich auf den Schweinitz-Bach, der ab hier diese wichtige Aufgabe übernimmt. In dem wildromantischen Tal wurde lange Bergbau betrieben, der erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts eingestellt wurde. In Deutschkatharinenberg können sich Besucher in einer ehemalige Silbererz- und Kupfergrube über die harte Arbeit untertage informieren. Das Abenteuer-Bergwerk kann aber noch mit einer zusätzlichen Attraktion locken. Angeblich soll hier in den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs das legendäre Bernsteinzimmer versteckt worden sein.

Kurz nach Deutscheinsiedel windet sich die Grenze durch ein ausgedehntes Waldgebiet. Zwischen der Rauschenbach-Talsperre und dem tschechischen Fláje-Stausee fühle ich mich mal wieder wie der „letzte Mensch in einem postapokalyptischen Zeitalter“. Ich habe wieder die Seite gewechselt und vertraue mich nun der böhmischen Erzgebirgsradmagistrale an. Oberhalb von Mikulov öffnet sich der Blick unvermittelt Richtung Süden. In der Senke südlich des Erzgebirges ist die Bezirkshauptstadt Teplice und dahinter der Donnersberg im böhmischen Mittelgebirge zu erkennen. Es ist eine der schönsten Teilstrecken auf meiner diesjährigen Route. Fast bedauere ich, dass ich in Zinnwald wieder deutschen Boden betrete und in das mittlerweile vertraute Umfeld des sächsischen Erzgebirges eintauche.

Im Nebel eines vorangegangenen Gewitters kann ich auf meinem weiteren Weg nur jeweils die nächsten einhundert Meter erkennen. Von der Umgebung ist nichts zu sehen. Bei dieser eingeschränkten Sicht kommt nun das Gehör voll auf seine Kosten. Die Geräuschkulisse des regennassen Waldes mit seinen lautstarken Vogelstimmen ist überwältigend. Erst kurz vor dem Elbtal hebt sich die Wolkendecke und gibt den Blick frei auf die ersten Sandsteinformationen.

Südlich von Schmilka verläuft die deutsch-tschechische Grenze auf knapp vier Kilometern in der Flussmitte der Elbe. Das entspannte Dahingleiten am Ufer findet allerdings bereits kurz vor Bad Schandau ein jähes Ende. Der Weg in den südlichen Teil des Nationalparks Sächsische Schweiz windet sich in steilen Serpentinen durch die schroffe Felslandschaft des Elbsandsteingebirges. Dort, wo keine Busse hinkommen und außerhalb der Öffnungszeiten der Gastwirtschaften, kann man selbst hier noch für sich sein. Der Gesamteindruck wird allerdings getrübt durch das Einheitsbraun der toten Fichten.

Auch im böhmischen Teil des Elbsandsteingebirges ist der Fichtenwald tot. Es ist ein trauriger Anblick, der uns wohl noch einige Jahrzehnte so erhalten bleiben wird. Ein wenig optische Erholung verschaffen nur einige „Oasen“, in denen sich gesunder Mischwald halten kann. Ich bin seltsam erleichtert, als ich kurz vor Krásná Lipa den Nationalpark verlassen kann.

Meine Route orientiert sich weiter am Verlauf des Oberlausitz-Elbe-Radweg. Die Wälder der böhmischen Anteils am Lausitzer Gebirge präsentieren sich wohltuend grün. Vergessen ist die Tristesse der abgestorbenen Bäume im Nationalpark. Es geht flott voran, es gibt keine größeren Steigungen, die es zu bewältigen gilt. Fast übersehe ich die drei großen Steine, die den Grenzübergang zur säschsischen Oberlausitz markieren.

Nur fünfzehn Kilometer sind es von meinem Nachtlager in Herrenwalde bis zu meinem Ziel südlich von Zittau. Nur etwa neunzig Minuten dauert der Ritt entlang des kleinen Zittauer Gebirges bis zum Dreiländereck an der Neisse. Schon von weitem kann ich die Nationalflaggen Tschechiens, Polens und Deutschlands ausmachen, die hier die Kontaktstelle der drei Länder sichtbar machen. Vom Dreiländereck zum Dreiländereck – zum ersten Mal beende ich eine Episode auf meiner Reise entlang der deutschen Außengrenzen planmäßig.

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