Der Gefährte

Die ersten zwei Jahre oder „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ (Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“)

„Wie heißt denn eigentlich euer Reisemobil?“ Die Frage unserer Stellplatznachbarn trifft uns vollkommen unvorbereitet. Unser Kastenwagen hat keinen Namen, nur eine Typenbezeichnung: Ducato oder Dexter. Wir haben bislang nicht die Notwendigkeit erkannt, einen individuellen Namen zu vergeben. Audrey Hepburn ruft in dem Filmklassiker „Frühstück bei Tiffany“ ihr Haustier doch auch nur „Kater“. Ein untauglicher Versuch der Rechtfertigung. Die Reaktion ist ebenso eindeutig wie anklagend:  „Jedes Wohnmobil braucht einen Namen!“ Jetzt fühlen wir uns schuldig.

Seit zwei Jahren ist er nun unser Begleiter, der Karmann Dexter. Auf seinen knapp sechs Metern Länge bietet er uns ausreichend Platz zum Leben und ist dennoch kompakt genug für Supermarktparkplätze und enge Gebirgspassagen. Wir wollten kein Expeditions-Mobil für den Gegenwert einer kleinen Wohnung sondern annehmbare Qualität zu einem vertretbaren Preis. Unser wesentlicher Anspruch war immer eine größtmögliche Unabhängigkeit von Camping-Infrastruktur. Das ermöglicht uns die Solaranlage auf dem Dach in Verbindung mit zwei Aufbau-Batterien. Für Wärme sorgt eine effiziente Dieselheizung und für kalte Getränke ein 80-Liter-Kompressor-Kühlschrank. Auf eine SAT-Anlage haben wir gerne verzichtet – es ist so entspannend mal nichts vom Irsinn auf der Welt mitzubekommen. Weitere „Gimmicks“ wie ein leistungsstärkerer Motor, Markise, Rückfahrkamera, Anhängerkupplung sowie eine hochwertige Matratze trieben den Preis stetig in die Höhe. Das selbst gesetzte Limit von 50.000 Euro konnte aber – wenn auch knapp – gehalten werden.

Nach mittlerweile 20.000 zurückgelegten Kilometern können wir ein überwiegend postitives Fazit ziehen. Schwerwiegende technische Probleme gab es bislang nicht, allenfalls Bedienungsfehler. Ein Marder hat uns in testosterongetriebener Raserei den Motor und die Scheibenwaschanlage sabotiert. Die „Hütte“ knarzt ein wenig beim Fahren und die Pumpe der Dieselheizung fördert unüberhörbar. Das Fahrzeug ist ausreichend agil und lässt sich gut manövrieren. Der Verbrauch bleibt mit acht bis zehn Litern auf einhundert Kilometer äußerst moderat.

Auf unseren Touren steht das Reisen und nicht die Technik oder Optik im Vordergrund. Das Wohnmobil ist ein Nutzfahrzeug, das uns eine unabhängige, flexible Art des Reisens ermöglichen soll. Unser namenloser Gefährte macht seinen Job ebenso unspektakulär wie zuverlässig. Er gehört zum Team.

30.000 Kilometer und die Garantie ist abgelaufen

Auf anfängliche Begeisterung folgt oftmals die Ernüchterung. Es ist, wie mit so vielen anderen Konsumgütern. Es gibt die Phase während der Garantiezeit und eine wesentlich längere danach. Und: mit Ablauf der gesetzlichen Gewährleistungsfrist wird aus einem umworbenen Kunden schnell ein lästiger Bittsteller. Wurden zuvor kleinere Mängel noch anstandslos behoben, stoßen wir nun mit unseren Problemen nur noch auf taube Ohren. Die Insektenschutz-Tür defekt – ist ein Verschleißteil, wenden Sie sich an den Hersteller. Die Dichtung der Kühlschranktür ist eingerissen – der Gerätehersteller verweist auf den Fahrzeughersteller und der wieder zurück. „Nach zwei Jahren und fünf Monaten ist die Gewährleistung schon lange überschritten“, ist unisono deren Stellungnahme. Wie konnten wir nur erwarten, dass ein tausend Euro teurer Kühlschrank länger halten würde. Der Begriff Kulanz kommt im Wortschatz der beteiligten Firmen nicht mehr vor. Und die Dichtung, die gibt es im übrigen nicht einzeln. „Wir müssten die komplette Tür ersetzen“, heißt es – für einhundertfünfzig Euro plus Mehrwertsteuer und Versand.

Auf eine kleine Wochenendtour wollen wir unseren Enkel mitnehmen. Kein Problem, denn unser „Gefährte“ hat ja ein drittes Bett. Beim Probeaufbau kommt dann die Ernüchterung. Die mitgelieferten Holzteile passen nicht, sind offensichtlich für einen anderen Fahrzeugtyp gedacht. Hersteller und Händler geben sich zugeknöpft und empfehlen: „mit etwas handwerklichem Geschick könne man die Holzteile selbst passend zurecht sägen“. Vielleicht hätte ich das ganze Gefährt selber ausbauen sollen.

Der Hype auf dem Reisemobil-Markt fordert offensichtlich einen hohen Tribut. Die Kunden rennen den Händlern die Türen ein und der Gebrauchtfahrzeug-Markt ist „sehr übersichtlich“. Preise werden nicht verhandelt, denn hinter dir steht der nächste Kunde, der das Wohnmobil unbedingt haben will. Dafür zahlt er auch widerspruchslos das, was auf dem Pappschild steht.

Wer heute ein Reisemobil mit den wichtigsten Accessoires ausstattet, kommt an einigen wenigen Herstellern nicht vorbei. Die Heizung ist von TRUMA, der Kühlschrank von WAECO, die Rahmenfenster von SEITZ, die Dachhauben heißen Mini- oder Midi-HEKI und verdunkelt wird mit Rollos von REMIS. Das überschaubare Feld der Anbieter wird real weiter durch den Umstand reduziert, dass sich einige der namhaften Firmen mittlerweile unter dem Dach eines schwedischen Konzerns versammelt haben. Ein Wohnmobil ohne dessen Zubehör zu bestücken, ist mangels Konkurrenz nahezu unmöglich.

Derart alleingelassen bleibt mir nur, in ohnmächtiger Wut, zusätzlich Geld zu investieren oder selbst die handwerklich geschickte Hand anzulegen. Vielleicht tröstet die Gewissheit, dass dieser Boom auf dem Campingsektor irgendwann vorbei sein wird. Spätestens dann, wenn die Generation der „Babyboomer“ mit Reisemobilen versorgt ist und die Kundschaft durch den „Pillenknick“ schrumpfen wird, müssen sich Hersteller wieder der wesentlichen Tugend der Kundenorientierung bedienen.

Das loszuwerden, hat gutgetan.